Betrifft Kinder

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Für eine neue Kultur des Lernens

E-Mail Drucken

Der Hamburger Bildungskongress »Können Steine schwimmen?«

Kinder haben das Recht auf Erzieherinnen und Erzieher, die ein vertieftes Interesse an einem Bildungsbereich haben.1 Dieses Kinderrecht war Ausgangspunkt für den Bildungskongress »Können Steine schwimmen?«, der in Hamburg am 27. und 28. Juni 2008 stattfand, veranstaltet von der WeltWerkstatt Köln2 und dem Dachverband SOAL3. Zur Auswahl standen acht Workshops, an denen sich mehr als 120 Kita-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter aus 47 Einrichtungen sowie einige Grundschullehrerinnen und -lehrer beteiligten. Zwei Tage lang konnten sie Erfahrungen machen und eine neue Lernkultur ausprobieren. – Sabine Skalla berichtet.


Mathematik

»Mathematik erfinden« mit gleichem Material in großer Menge, das ist das Forschungsgebiet der Referentin Kerensa Lee Hülswitt (Dortmund). Was im Workshop »Kinder erfinden Mathematik – Dialoge von Fantasie und Strukturieren« von den Erzieherinnen ausprobiert wurde, erfuhren Schul- oder Kita-Kinder und Studentinnen in Kerensa Lee Hülswitts Projekten schon vielfach.

In Hamburg standen unter anderem ein Beutel mit 4000 Ein-Cent-Stücken, 1000 Würfel mit und ohne Augen, Kaffeetassenuntersetzer aus Papier, flache zweifarbige Quadrate, Dreiecke und Vorhangringe aus Holz zur Verfügung. Mitgebracht hatten alle Beteiligten kleine quadratische Schokoladen-Täfelchen, die einen großen Schokoladen-Material-Berg ergaben.

Muster wurden gelegt, sinnliche Strukturen erschaffen, Türme und Häuser aus Würfeln gebaut und Gemeinschaftsarbeiten ausprobiert. Immer wieder tauchten Fragen auf: Kann man mit Quadraten auch rund bauen? Gibt es einen Unterschied, wenn ein Turm aus geraden oder ungeraden Würfel gebaut wird? Wie kann man feststellen, aus wie vielen Steinen das Fantasieschloss besteht, ohne die Bausteine einzeln zählen zu müssen?

Es ging um Struktur, Sortieren, Formen, Messen, Längen, Größen, Grundrechenarten, Mengenverhältnisse, Proportionen, Volumen, Stabilität, Systematik, Achsen, Winkelberechnungen und Statik – im intuitiven Erleben. Erfahren haben die Beteiligten, dass das Angebot gleichen Materials in großer Menge komplexe mathematische Strukturen ermöglicht. Bereiche wie Geometrie und Symmetrie blieben nicht abstrakt, sondern wurden praktisch erfahrbar. Denn: Bevor ein Kind multiplizieren lernen kann, ist es sinnvoll, mal ein Quadrat in der Fläche gelegt zu haben, meinte Kerensa Lee Hülswitt.

Die Workshop-Teilnehmerinnen waren sich einig: So einen Matheunterricht hätten sie früher gern gehabt.


Bauen und Konstruieren

»Das Leben ist eine Baustelle« war der Titel des Workshops »Bauen und Konstruieren«. Die Materialien, die der Referent Matthias Buck (Hamburg) in seinem Workshop anbot, gestatteten eine direkte Verbindung zur Mathematik. Indem die Beteiligten Bauwerke konstruierten, beschäftigten sie sich mit geometrischen Körpern und berücksichtigten gleichzeitig physikalische Gesetze. Mit großen und kleinen Brettbausteinen, die kompatibel miteinander verbaut werden konnten, mit Fröbelsteinen, Kapplasteinen, Ziegeln, naturbelassenen Bausteinen und Hockern konnten die Beteiligten ihrer Fantasie freien Raum lassen. Auch hier spielt das Prinzip der gleichen Materialien in großer Menge eine wichtige Rolle. Zum Schluss entstand ein riesiges Gesamtkunstwerk, eine Fantasie-Stadt.

Wenn Kinder sich mit solchen Materialien beschäftigen, entstehen ebenfalls Bilder und Geschichten, über die sie sich austauschen können. Auch der Körper wird gefordert, denn wo große Materialien bewegt werden müssen, spielt Bewegung eine Rolle.


Projektarbeit

Damit sich Kinder vertieft mit einer Thematik auseinander setzen können, ist es sinnvoll, Themen, die Kinder beschäftigen, in Projekten aufzugreifen und mit ihnen gemeinsam längere Zeit daran zu arbeiten.

Um ein Beispiel zu geben, stellte die Referentin Simone Müller (Neunkirchen) in ihrem Workshop »Projektarbeit« das Thema »Tod« in den Mittelpunkt, das die Kinder ihrer Kita-Gruppe mehrere Jahre lang beschäftigte. Eine Tüte mit Knochen regte die Teilnehmerinnen an, darüber nachzudenken, wie das Tier ausgesehen haben mag, von dem sie stammen. Um eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, wurde es gezeichnet und in Ton modelliert.

Eine andere Gruppe beschäftigte sich mit dem Leben nach dem Tod und setzte ihre Gedanken kreativ um.

Wichtig für die Projektarbeit mit Kindern ist, dass kein Ziel vorgegeben wird und dass die Fragen der Kinder inhaltliche Leitschnur sind, meinte Simone Müller.


Kitas sind Bildungseinrichtungen

In der deutschen Bildungs-Debatte wird immer noch die Schule als die zentrale Bildungs-Institution angesehen. Auch die Tendenz, Kinder schon im fünften oder vierten Lebensjahr einzuschulen, verdeutlicht dies. Überwiegend wird in den Schulen noch im Stundentakt, im Fächerkanon und durch reine Vermittlung unterrichtet.

In Kitas, bei Kita-Trägern und von Forschenden aus dem Bereich Frühpädagogik wurde längst erkannt, dass Lernen auf Erfahrungen beruht und dass man dem Forscherdrang der Kinder in den Kitas mit Lerngelegenheiten, vielfältigen Materialien und anregenden Räume begegnen muss, um ihren Bildungsprozessen Nahrung zu geben. Dazu bot der Hamburger Bildungskongress ein reiches Erfahrungsfeld. Darüber hinaus machte er allen Beteiligten viel Spaß und bewies, dass frühkindliche Bildung einen festen Platz in den Kitas hat.


Der Bildungskongress »Können Steine schwimmen?«

Bildungsprozesse brauchen für ihre Unterstützung eine vielschichtige Lern-Kultur, die Selbstbildungspotenziale, soziale Beziehungen, institutionelle Rahmenbedingungen, didaktische Formen, die Beteiligung der Eltern und das gesellschaftliche Umfeld aufeinander abstimmt. Erzieherinnen und Erzieher benötigen ein didaktisches Instrumentarium, um eine neue Kultur des Lernens zu schaffen. Insbesondere sind didaktische Formen gefragt, die Kinder in ihrer Selbsttätigkeit zur Geltung kommen lassen oder herausfordern. Vorbereitete Umgebung, Raumgestaltung und Materialien gehören daher ebenso zur didaktischen Handlungsqualität wie sachliche, kommunikative und soziale Kompetenz.
Erzieherinnen und Erzieher sollten sich wenigstens in ein oder zwei Sachgebieten stark machen. Dabei geht es weniger darum, ein fachspezifisches, wissenschaftliches Wissen vorzuhalten, sondern um ein Wissen in Alltags- und Handlungszusammenhängen sowie um die Herausforderung von Neugier und Exploration.



Kontakt
Sabine Skalla ist Kita-Geschäftsführerin in Hamburg.
KoppelKinder e.V.
Rostocker Str. 74
20099 Hamburg
Tel.: 040/243501
E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


1 Kinderrechte sind die Grundlage des SOAL-Qualitätsentwicklungsverfahrens (SOAL-QE©). Das Verfahren besteht aus sechs Modulen, wurde von Prof. Dr. Gerd E. Schäfer (Universität Köln) entwickelt und wird von ihm wissenschaftlich begleitet. Es wird seit 2004 – zurzeit im 4. Durchgang – mit Hamburger Kitas des Alternativen Wohlfahrtsverbandes SOAL (Sozial&Alternativ) erprobt.
2 Die WeltWerkstatt Köln (www.weltwerkstatt.de) bildet mit ihrem Fortbildungsinstitut (weltwerkstatt e.V.) eine Schnittstelle zwischen Praxis und Wissenschaft. Ziel der WeltWerkstatt sowie der dort tätigen Referentinnen und Referenten ist es, für die frühpädagogische Praxis aufzuzeigen, wie Kinder schöpferisch und problemlösend lernen können.
3 Der Alternative Wohlfahrtsverband Sozial& Alternativ (www.soal.de) wurde 1985 gegründet und vertritt heute über 160 Mitgliedseinrichtungen aus Hamburg und Umgebung, vornehmlich Kindertagesstätten. SOAL-Geschäftsführer Claus Reichelt organisierte den Bildungskongress in Zusammenarbeit mit Angelika von der Beek, WeltWerkstatt Köln.


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 08-09/08 lesen.


  Zurück zur Übersicht  


Zum Seitenanfang