Betrifft Kinder

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Ein Dossier mit Thesen, Erläuterungen und Geschichten aus aller Welt von Jürgen Zimmer, Teil 3

Der Situationsansatz hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr als universales Entwicklungsprinzip herausgestellt: Lernen im Leben, Lernen als herausforderndes Abenteuer, Lernen mit offenem Ausgang, Lernen, auf die eigenen Füße zu fallen, sind Prinzipien, die in zahlreichen gesellschaftlichen Handlungsfeldern benötigt werden. Thesen 1 bis 10 erschienen in den Heften 4 und 5/2014. In diesem Heft stellt Jürgen Zimmer These 11 vor.



11. Zu den Stärken des Situationsansatzes gehört, dass er kulturell adaptierbar ist.

Seit den 1980er Jahren wurden in Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas Workshops und Projekte zur Entwicklung vorschulischer und schulischer Curricula durchgeführt. Die Veranstaltungen begannen jeweils mit einem intensiven Brainstorming zur Identifikation und Gewichtung von Schlüsselsituationen der Kinder in der Region. Diese Situationen waren je nach Ort anders.


Asien: Geschichten von den anderen Situationen

Thailand


Anflug auf Bangkok. In den nächsten Monaten zehn Workshops in sechs Ländern. Ziele: Assistenz bei Anwendung des Situationsansatzes und der Vorbereitung nationaler Projekte zur Entwicklung vorschulischer Erziehung in Slums und armen ländlichen Regionen. Partner: die Goethe-Institute, Ministerien, Träger, Universitäten, Teacher Training Colleges, Grassroot-Organisationen. In Reihe 9 F sitzt Buddha, anderthalb Jahre alt, das Gesicht auf Momo gerichtet. Momo auf der Leinwand des Bordkinos. Auf Platz 9 E ein Typ aus Herne, Buddhas Vater. Er muffelt seit 9.000 Kilometern. Auf 9 G sitzt die Mutter, eine Thai. Sie spricht mit dem Kind, freut sich auf die Rückkehr zu ihrer Familie. Buddhas Vater muss für ein paar Tage das Herz einmal voll gewesen sein. Hochzeit in Pattaya. Aber das, Nachbar, ist lange dahin.

Der Widerstand gegen westliche Intelligenztrainingsprogramme und japanische Monster in Sachen Vorschulerziehung heißt Mrs. Chaviwan Chung-Charoen und sitzt im Erziehungsministerium. Ihre Thai Connections reichen hinunter zu Basisorganisationen in den Slums und in die Provinz hinauf nach Chiang Mai. Dort ist es Mrs. Ratree Suwanaposee vom Teacher Training College, die auf Veränderung dringt. Die sechzig Planer, Inspektoren, Dozenten und Praktiker des Workshop in Bangkok wollen den Situationsansatz nicht als Import, sondern als ein Verfahren erarbeiten, von den Schlüsselproblemen der Kinder in Thailand ausgehen, unter dem Geröll neokolonialer Mythen die Spuren sichern.

Ihre, die thailändische Adaptation des Ansatzes, fasse Lernen stärker als Teilhabe an lokaler Entwicklung, habe soziokulturelle Minderheiten zu berücksichtigen, müsse mit geringen Kosten als Kampagne organisierbar sein. Denn dem quantitativen Schub – die Zahl der Kindergartenplätze soll in den nächsten Jahren von 14 auf 30 Prozent erhöht werden – solle die neue andere Qualität folgen. Ja, erwidere ich, nur könne niemand eine solche Kampagne in ein paar Tagen einleiten.

Wir könnten sie simulieren und hinterher darüber befinden, was zu tun sei. So simulieren wir. Die Sechzig stellen das Volk dar, sind Mütter und Väter, Nachbarn, Straßenköche, Gelegenheitsarbeiter. Ihre Lebenswelt heißt Bangkok, die Schlüsselsituationen, die sie ermitteln, sind die der Kinder Bangkoks. An die fünfzig solcher Situationen werden benannt und gewichtet.

Im Ergebnis eine Überraschung: Die Situation mit der höchsten Wertung heißt zum Tempel gehen. Buddhistischer Fundamentalismus? Religiöses Zeremoniell als Ticket aus dem Desaster des Diesseits? Nein, sagen sie. Die Situation meine, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen, der kulturellen Invasion zu begegnen. Denn die anderen Götter, das sind die japanischen Helden der Comic-Kriege, die durch Raum und Zeit fliegen, die Superwesen aus den USA.

Sie lassen thailändische Kinder, die – von Tischen springend – zu fliegen meinen, abstürzen wie den Schneider von Ulm. Also ist Fernsehen eine andere wichtige Situation, die Trickkiste, die Bangkoks Kinder in bewaffnete Flugechsen, Hong-Kong-Fighter, Cowboys, Micky Mäuse und Muppets verwandelt.

Schlüsselsituation chaotischer Verkehr in Bangkok: Bei einem Drittel aller schweren Verkehrsunfälle sterben Kinder. Nicht nur bei grünen Fußgängerampeln, sondern auch in Bussen müssen Kinder auf der Hut bleiben. Kinder werden verschleppt und verkauft. »Alles ist im Umbruch«, meint Mrs. Chaviwan traurig, »die alten Regeln gelten nicht mehr.«

Einseitige Ernährung, ein Schlüsselproblem nicht nur für die ganz Armen, sondern auch für Jugendliche, die das Fast Food an die Stelle notwendiger Vielfalt setzen. A little farmer at home, ein Projekt als Antwort darauf, die Absicht, Kindern zu zeigen, wie man auch in den Slums zum Subsistenzwirtschaftler werden, sich das Gemüse in Blecheimern ziehen und selbst die Vielfalt herstellen kann, die auf dem Markt für zu teures Geld zu haben ist.

Fahrt nach Chiang Mai im Norden, dorthin, wo im Goldenen Dreieck Thailand, Laos und Burma aufeinandertreffen. Es ist das Gebiet des Opiums, der aufflackernden Guerillabewegungen, der aufsässigen Bergvölker, der Hmong, Karen, Akha, Yao, Lisu und Lahu. Nation building zielt hier darauf, die Bergvölker mit eigenen Sprachen, eigener Geschichte und eigenen Kulturen Thailand auf Dauer einzuverleiben. Eine Minoritätenpolitik, die auf regionale Autonomie setzen würde, gibt es nicht. Praktiziert wird eine Politik des sprachlichen Genozides.

Ein Netz von Schulen überzieht seit wenigen Jahren das Gebiet, Schulen als Missionsstationen einer kulturellen Invasion nach innen. Thailand befindet sich hier in international schlechter Gesellschaft, denn die Friss-oder-stirb-Politik trifft nicht die Yao oder Akha allein, sondern die anderen ja auch, die Kurden in der Türkei, die Mohawks im amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet, die Türken in Berlin. In den Schulen Nordthailands wird von Lehrern in Thai unterrichtet, die aus dem großen Tal kommen, von Chiang Mai her, und ihre Arbeit eher als Strafversetzung denn als Mission empfinden.

Ein paar Stunden Fahrt im Jeep aus der drückenden Hitze Chiang Mais hinauf über die Berge zu den Hmong. Mrs. Ratree fährt mit. Die Plantagen bleiben hinter uns, die befestigten Straßen auch. Der Wagen tanzt wie ein wild gewordener Elefant, der letzte Regen hat die Fahrspuren in Schlammrinnen verwandelt. Bergwälder ringsum. Ein Kind, eine Frau, ein Mann in der Tracht der Hmong kommen entgegen. Der Mann trägt ein Gewehr. Es ist nicht mehr weit bis zum Dorf Doi Pui auf dem Berg Suthep.

Das Dorf ist arm. Die Hütten gleichen Verschlägen. Doi Pui gehört zu den Endstationen eines Kampfes der Chinesen gegen die Hmong, der Jahrhunderte währte und die letzten 50.000 Hmong in abgelegene Bergregionen vertrieb. Außerhalb des Dorfes stehen auf einer planierten Fläche von der Größe mehrerer Fußballfelder die Schule und der Kindergarten. Auf dem Vorplatz wächst Gras. Ein Mann schneidet das Gras. Im hölzernen Haus mit überdachter Veranda sind drei Grundschulklassen untergebracht.

Eintritt in die erste Klasse. Um einen Tisch sitzen sieben Schüler, die Köpfe über ihre Bücher gebeugt. Der Raum wirkt dunkel. Der Lehrer kreist um die Gruppe wie ein Wolf um die Schafherde. Die Hmongkinder blicken nicht auf, sie sind gut dressiert. Aus ihren Augenwinkeln taxieren sie mich. Ihr Lehrer fragt einen Text aus dem Buch ab. Schulbücher werden auswendig gelernt.

Ich frage den Lehrer, um was es ginge. Um die Geschichte Thailands. Auch um die der Hmong? Nein, die käme nicht vor. Ob er den Hmong etwas beibringe, was mit ihnen zu tun habe, frage ich. Ja, sie sollten aufhören, Brandrodung zu betreiben. An der Wand hängt eine selbst gemalte Bildergeschichte über die Folgen der Rodung: die Erosionen, die Überschwemmungen im Tal. »Ein einleuchtendes Ziel«, erwidere ich, aber dann müsse er den Kindern und Erwachsenen auch beibringen, das Land intensiv zu bewirtschaften. Der Lehrer lächelt verlegen. Er versteht nichts von Landwirtschaft.

Ob sie gern hier sei, frage ich eine Lehrerin. Nein, sie sehne sich danach, ins Tal zurückzukehren. Mit dem Dorf hätten die Lehrer nichts zu tun. Gelegentlich würden sie bei den Eltern vorstellig, um sie zu veranlassen, dem Gesetz zu gehorchen und ihre Kinder zur Schule zu schicken. Die meisten wollten nicht. Vor ein paar Tagen hätte sie ein Vater mit der Axt in der Hand empfangen und sie vertrieben. Manchmal käme die Polizei und würde einige Eltern einsperren.

»Diese Lehrer taugen nichts«, sagt ein Siebzigjähriger im Dorf. Er trägt ein kleines Kind auf dem Rücken und einen Zopf auf dem sonst kahlen Kopf. Andere Hmong kommen hinzu. Die Kinder würden in der Schule nichts lernen, was von Nutzen wäre. Die Lehrer würden die Kinder vom Arbeiten abhalten. Im Dorf gäbe es zu wenig Wasser. Die Felder lägen deshalb drei Stunden Fußmarsch weiter weg. Oft müssten sie dort übernachten. Sie könnten ihre Kinder nicht im Dorf lassen, die Lehrer würden nicht auf sie aufpassen. Ja, sagt der Alte, nur einmal vor langer Zeit sei ein Enkel nach Hause gekommen und habe ihm gezeigt, wie man kompostiert. Das sei das einzige Mal gewesen, dass sie beide etwas gelernt hätten.

Ob sie dagegen seien, dass ihre Kinder in der Schule nur Thai lernten. Nein, erwidern sie. Sie sprächen ihre eigene Sprache im Dorf, die Schule sei nicht wichtig. Ich denke, sie irren. Sie gehen dem Kalkül der Zentralregierung auf den Leim, die Regionalsprachen auszutrocknen. Ich sehe ein Mädchen, das Ohr an einen alten Kassettenrekorder gepresst — Disco in Doi Pui.

Was das Hauptproblem bei den Kindern sei, frage ich die Lehrer. Mangel an Eiweiß, sagen sie. »Wir essen schon mal Schweinefleisch«, meint eine Frau, »aber nur zu besonderen Gelegenheiten, wenn zum Beispiel jemand gestorben ist.« Hat der Tote sieben Brüder, werden sieben Schweine geschlachtet. Die aber kann man nicht auf einmal aufessen. Die Hmong wissen nicht — oder sie haben es verlernt —, wie man Fleisch konserviert. Sie lassen das Fleisch verderben, nicht einer Religion wegen, sondern weil sie es so gewohnt sind.


Im Kindergarten arbeitet eine junge Frau, die Landwirtschaft studiert hat, aber dort keinen Arbeitsplatz fand. »Ihr könntet«, sage ich zu den Lehrern, »auf Eurem Gelände eine Schweinezucht einrichten und den Eltern zeigen, dass man Schweinefleisch das ganze Jahr über essen kann.« Sie erwidern, dass sie das wohl könnten, es aber nicht gewohnt seien und auch im Lehrplan nichts darüber stünde. »Das stimmt«, räumt Mrs. Ratree ein, »aber es ist widersinnig.« Es ergibt keinen Sinn, wenn eine Lehrplankommission in der Abgeschiedenheit eines Bangkoker Ministeriums darüber brütet, was die Kinder der Hmong lernen sollen. Sie wissen nicht, dass die Hmong einen Toten brauchen, um vernünftig leben zu können.

Ein letztes Gespräch im Dorf: wie sie eine Schule fänden, die das ganze Jahr über Schweinefleisch produzieren und es auch noch so zubereiten würde, dass es nicht verdirbt. Sie lachen. Nicht schlecht, meinen sie. Wir brechen auf. Mrs. Ratree ist entschlossen, in ihrem Teacher Training College dafür zu sorgen, dass Lehrer lernen, Gemeindeentwickler zu werden. Wir klettern in den Jeep. Eine Mutter kommt und zeigt auf eines ihrer Kinder. »Ich gebe es Ihnen, wenn Sie es wollen«, sagt sie zu Mrs. Ratree. Aber Mrs. Ratree hat schon zwei Hmongkinder aufgenommen. »Sie bekommen bei mir eine gute Erziehung«, sagt sie. Später sehe ich eine ihrer Ziehtöchter. Ein kleines Hmongmädchen in rosarotem Kleid. Ein entfremdetes Schneewittchen, das früher einmal bei den sieben Zwergen gewohnt hat und nun Ärztin werden will.

Unten im Tal werden später Projekte entwickelt: wie man die Läuse auf den Köpfen der Kinder und Eltern bekämpft, den Schmutz rings um die Häuser beseitigt, schüchterne Kinder darin stärkt, ihre Gefühle auszudrücken. Einmal kommen auch die Kinder der Bergstämme vor. Durch die Brillen der Lehrer aus dem Tal verzerrt sich das Bild: Die Kinder von dort oben seien die, die nicht richtig Thai sprechen könnten und die Endungen verschluckten. Schmuddelkinder, Halbstumme und Halbtaube, schlechte Schüler, Aufsässige, Hinterwäldler, Hmong, Yao, Kurden, Koori, Mohawks.

Die Hmongpuppe, die mir jemand zum Abschied schenkt, hat Bambiaugen. Hmong child made in Disneyland from the nightmarket in Chiang Mai.


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 06-07/14 lesen.