Betrifft Kinder

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Teil 2: Mögliche Ursachen und beobachtbare Entwicklungsaspekte

In ihrer Beitragsserie möchte Astrid Gipp Bedenken entkräften und anstiften, sich dem Thema der besonderen Begabung im Elementarbereich zu öffnen. In diesem Beitrag widmet sich die Autorin möglichen Ursachen und relevanten Entwicklungsaspekten.

Besondere Begabung ist keine Krankheit, keine Behinderung, sondern eine Gabe, wie es der Wortstamm innehat. Ursachen sind laut Stapf1 vor allem in zwei Bereichen zu finden: in den Anlagen und der Umwelt. Bezüglich der angeborenen Dispositionen verweist Stapf auf die Stammbaummethode und im Zusammenhang damit auf die hohe Konzentration in Familiengenerationen. Neben sozialen und gesellschaftlichen Aspekten benennt sie die körperlichen und neurophysiologischen Prozesse als Indikatoren und als Voraussetzungen intrinsischer (innerer) Motivation und Ausdauer. Ob diese Faktoren als konstituierende Elemente oder lediglich als Nährboden der Umsetzung von Hochbegabung wirken, ist bislang nicht geklärt.

Lassen sich die genannten ursächlichen Anlagen wissenschaftlich nachweisen? Spitzer verneint das: »Die Frage kommt immer auf, wenn es um Gehirnforschung geht, und man muss ganz klar sagen: Das kann man noch nicht.«2 Ziegler vom Center of Educational Studies3 bringt die Idee vom Zusammenhang von Hochbegabung mit dem IQ ins Wanken. Er verweist auf jahrelange Lernprozesse als Indikatoren besonderer Begabung und führt Beispiele wie Schachweltmeister Bobby Fischer und Komponist Wolfgang Amadeus Mozart an. Beide hatten mindestens zehn Jahre intensiv gelernt und sich schon im Vorschulalter auf ihren Spezialgebieten profiliert. »Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration«, brachte es der amerikanische Erfinder Edison auf den Punkt.

In ihrem Film »Das Kind ist begabt« geben Elschenbroich und Schweitzer Einblick in den Elementar- und Primarbereich Südtirols. In Gröden lernen alle Kinder, auch die durchschnittlich begabten, Deutsch, Italienisch und Ladinisch. Sie wachsen dreisprachig auf. Demnach ist die Ausprägung unterschiedlicher Intelligenz im Kindesalter – verglichen mit Erwachsenen – stärker auf Umwelteinflüsse zurückzuführen. Stapf erklärt das damit, »dass Erwachsene eher als Kinder sich ihrer genetischen Ausstattung gemäße Umwelten suchen können. Kinder, auch hochbegabte, sind abhängiger von dem, was die Erwachsenen ihnen als Umwelt … bieten«.4


»Wir kommen nicht als Mängelwesen zur Welt; wir kommen mit einer Fülle«5, sagt Hüther und führt die Begeisterung des jungen Wolfgang Amadeus für die Musik an. Dessen Vater musizierte schon, als Mozart noch im Leib seiner Mutter lag. Wahrscheinlich fühlte sie sich bei den Klängen wohl, und dieses Gefühl übertrug sich auf das ungeborene Kind. Nach der Geburt erkannte der Junge die Klänge wieder und die Begeisterung seiner Eltern wurde zur  Quelle seines musikalischen Talents. Friederici vom Max-Planck-Institut Leipzig stellte fest, dass sich der Hörsinn als das erste sensorische System ausbildet6 und Embryos bereits ab der 16. Schwangerschaftswoche Geräusche hören können. Somit erhärtet sie Hüthers Gedanken und knüpft an Galileo Galilei (1564-1642) an, der sich offensichtlich der genetischen Ursachen in Verbindung mit den Umwelteinflüssen bewusst war: »Man kann niemanden etwas lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.«


Besondere Begabung hat viele Gesichter

Bereits Ende der 1950er Jahre wiesen DeHaan und Havinghurst auf die vielen Facetten von Begabung hin. Gardner beschrieb diesen Facettenreichtum als »multiple Intelligenzen«, definierte Intelligenz als »Fähigkeit, Probleme zu lösen oder Produkte zu schaffen, die für eine bestimmte Gemeinschaft … von Bedeutung sind«7, und markierte dadurch den kulturellen Bezug. Auf der Basis neurobiologischer und -psychologischer Erkenntnisse entwickelte er seine Theorie der vielfachen Intelligenzen8.

Inzwischen gibt es eine Fülle an Literatur zum Thema »Begabung«, die sich Kindern im Grundschulalter widmet und dem Vorschulalter zunehmend mehr Beachtung schenkt. Praxisnahe Angebote sind spärlich und meist besonderem Engagement einzelner Begabungsbegeisterter zu verdanken. Zusätzlich stellt die fehlende Präsenz von Begabungsthemen in den pädagogischen Ausbildungsinhalten von Berufsschulen und anderen Bildungsträgern ein Manko dar und unterstreicht einmal mehr, dass ErzieherInnenausbildung an Hochschulen gehört.





www.bildung-und-begabung.de/begabungslotse/faq
Hier findet man bundesweite Projekte zum Thema Begabtenförderung.

www.dghk.de
Der gemeinnützige Verein bietet Eltern und Pädagogen Unterstützung, dank ausführlicher Ratschläge kann die Webseite Hilfestellungen geben.

www.ehk.ch
Der EHK ist ein Schweizer Verband für Eltern, hier liegt der Schwerpunkt auf Hochbegabung.

www.ihvo.de
Zur Verbesserungen der Situation für begabte Kinder bietet das Institut zur Förderung hochbegabter Vorschulkinder Weiterbildungen und Informationen für Fachkräfte und Pädagogen an.

kids.mensa.de
Der deutschlandweit bekannteste Verbund für Hochbegabte versucht vor allem hochbegabte Kinder zu vernetzen und organisiert Sommercamps.

www.begabtenpaedagogik.de
Das Begabtenzentrum sammelt auf seiner Webseite Hintergrundinformationen zu verschiedenen Formen von Begabung und bietet Unterstützung.


 

1  Stapf, A.: Hochbegabte Kinder – Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung. München 2008, S. 27f.
2  Spitzer, M. http://www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/269/kann-man-besondere-begabungen-am-gehirn-erkennen/

3  Textor, M. R.: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1953.html
4  Stapf, A.: Hochbegabte Kinder – Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung. München 2008, S. 29
5  Hüther, G.: http://vbgv1.orf.at/magazin/klickpunkt/focus/stories/425723/
6  Friederici, A.: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-10766-2009-11-06.html
7  Gardner/Howard. In: Uhrlau, K. (Hrsg.): Keine Angst vorm hochbegabten Kind. Themenband zur Pädagogischen Woche 2003. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Oldenburg 2004, S. 55
8  Gardner, H. In: Laewen, H.J./Andres, B. (Hrsg.): Forscher, Künstler, Konstrukteure. Berlin 2002. S. 162ff.



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 10/14 lesen.