Betrifft Kinder

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Was bewegt QuereinsteigerInnen zum Berufswechsel? Und was wünschen sie sich für einen guten Start in ihre Ausbildung? 
Canan Korucu-Rieger und Sandra Schulte von der Koordinationsstelle »Chance Quereinstieg/Männer in Kitas« haben im Rahmen einer explorativen Studie mit QuereinsteigerInnen im ersten Ausbildungsjahr gesprochen.


»Unsere berufsbegleitenden MitarbeiterInnen bringen oft wertvolle Erfahrungen aus anderen Berufsfeldern mit. Als Quereinsteiger haben sie beispielsweise bereits eine Ausbildung als Mediengestalter, Raumausstatter oder Schauspieler und tragen damit zur Vielfalt in unseren Kitateams bei. Der Männeranteil bei unseren Berufsbegleitenden beträgt 50 Prozent.«

Personalleiterin eines Berliner Kitaträgers



Das Interesse von Kitas und Fachschulen an QuereinsteigerInnen ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Zwei wesentliche Erwartungen an diese Personengruppe kommen dabei zum Ausdruck: Zum einen sollen sie die aus anderen Berufen mitgebrachten Kompetenzen im Kitaalltag einsetzen und damit die Angebotsvielfalt bereichern. Zum anderen sollen QuereinsteigerInnen zur heterogenen Zusammensetzung des Kitateams beitragen. Ein so verstandenes multiprofessionelles Arbeiten soll dazu beitragen, dass Kitateams aktuelle Herausforderungen besser bewältigen können, wie sie beispielsweise durch die Aufnahme von Kindern mit Fluchterfahrungen entstehen können.1 

Aktuelle Studien belegen, dass diese Erwartungen erfüllt werden: Der Anteil der Männer in der von QuereinsteigerInnen bevorzugten praxisintegrierten und vergüteten ErzieherInnenausbildung ist höher als in der vollzeitschulischen Ausbildung2. Der Anteil von Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund ist innerhalb dieser Personengruppe übrigens vergleichsweise hoch.

Auch auf Seiten der gewünschten Zielgruppe selbst gibt es ein großes Interesse. Allein unsere Koordinationsstelle hat in den letzten fünf Jahren mehr als 5.300 Personen registriert, die in den ErzieherInnenberuf wechseln möchten. Aus den erfassten Personendaten geht hervor, dass die große Mehrheit der InteressentInnen, wie von den Kitaträgern gewünscht, bereits eine Ausbildung oder ein Studium absolviert hat, einen Beruf ausübt oder sich in Elternzeit befindet.







Eine Win-win-Situation

Das Bundesmodellprogramm »Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas«, das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert wird und seit Juni 2015 läuft, richtet sich an die BerufswechslerInnen unter den QuereinsteigerInnen3. Ein Blick in die Statistik der Teilnehmenden zeigt: Zwischen den Bedarfen interessierter QuereinsteigerInnen einerseits und Kitaträgern andererseits scheint eine Win-win-Situation herstellbar. Quereinsteigende können rein statistisch zur Angebotsvielfalt von Kitas und Kitateams beitragen: Mit ihnen münden beispielsweise ausgebildete SchauspielerInnen, ChemieingenieurInnen und SängerInnen in den pädagogischen Alltag von Kitas, ebenso wie Köche oder KöchInnen, BuchhalterInnen, WerkzeugmechanikerInnen, TransportsanitäterInnen, Hotelfachmänner und -frauen, ÜbersetzerInnen, BankfachwirtInnen, VermögensberaterInnen, SportlehrerInnen, ReiseleiterInnen, Diplom-RestauratorInnen, UmweltingenieurInnen, MediengestalterInnen, LandwirtInnen und Grafik-DesignerInnen. Das lässt viel Raum für konzeptionelle Ideen, denn mit den Herkunftsberufen allein dieser Teilnehmenden sind alle Bildungsbereiche von Kitas vertreten: Gesundheit, Sprachen, Schriftkultur und Medien, Bildnerisches Gestalten, Musik, Theaterspiel, Mathematik, Natur, Technik und Umwelt, kulturelles Leben und vieles mehr. 

Uns hat interessiert zu erfahren: Was bewegt eine Vermögensberaterin, einen Umweltingenieur oder einen Landwirt zum Berufswechsel? Welche Erwartungen haben sie an die Ausbildung? Welche Rahmenbedingungen befördern die neuerliche Ausbildung dieser Zielgruppe? Wie erleben Männer den Beginn ihrer Ausbildung?

Wir haben Interviews mit mehr als 30 TeilnehmerInnen des Bundesmodellprogramms geführt4. Eine tiefergehende inhaltsanalytische Auswertung steht noch aus. Erste Eindrücke aus den Gesprächen fassen wir in diesem Beitrag zusammen für Kitas, deren Teams überlegen, QuereinsteigerInnen einen Ausbildungs- bzw. Praktikumsplatz anzubieten.



Sich neu entwerfen

Der Hauptgrund für den Berufswechsel war in vielen Fällen die Unzufriedenheit mit dem alten Beruf. Diese ist entweder auf die Rahmenbedingungen zurückzuführen oder auf persönliche Lebensumstände, oftmals ist es eine Mischung aus beidem. 

Ein Berufswechsel aus einer soliden finanziellen Situation heraus ist von deutlichen Zweifeln in der Phase des Wechsels geprägt, der teilweise zusätzlich von nahestehenden Personen genährt wird. Im Gegensatz dazu locken bei einem Wechsel aus einer eher prekären finanziellen Situation heraus die Vergütung der Ausbildung, gegebenfalls eine sozialversicherungspflichtige Anstellung und die guten Zukunftsaussichten im ErzieherInnenberuf.

Die im alten Beruf nicht realisierbaren Ansprüche an die eigene Arbeit, oftmals eng verbunden mit enttäuschten Hoffnungen von Sinnstiftung und Qualität, können ausschlaggebend sein, den Beruf zu wechseln. Sei es, weil man als KünstlerIn oder Selbstständiger keine entsprechenden Aufträge gewinnen konnte oder Qualität im Berufsalltag keine Rolle (mehr) spielte. 

Ein weiterer Grund ist oft die biografische Erfahrung mit eigenen Kindern – sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Als Schlüsselmomente werden der eigene pädagogisch und emotional kompetente Umgang mit den Kindern und deren SpielgefährtInnen sowie die gelungene Begleitung während der Eingewöhnungsphase in der Kita hervorgehoben. Vor allem bei Männern scheint diese Selbstwirksamkeitserfahrung, »gut mit Kindern zu können«, den Wunsch zu wecken, diesen Beruf (endlich) zu erlernen.

Die BerufswechslerInnen interessieren sich besonders für Ausbildungsformen, während der sie in einer Kita angestellt sind. Gelerntes direkt anzuwenden, übt einen großen Reiz für diese Form der Ausbildung aus. Darüber hinaus bietet die Ausbildungsvergütung die für den Wechsel oft unabdingbare finanzielle Grundlage.



Keine Ausbildung zum Nulltarif

Eine Vergütung während der Ausbildung ist für viele interessierte QuereinsteigerInnen der einzig gangbare Weg, weil die neuerliche Ausbildungszeit finanziert werden muss. Die Mehrheit der von uns befragten QuereinsteigerInnen hätte die Ausbildung nicht begonnen, wenn sie nicht sozialversicherungspflichtig gewesen wäre. Sei es, weil Quereinsteigende einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten, ihnen die Vergütung als Zeichen der Anerkennung wichtig ist oder sie sich bewusst für diese vergütete Ausbildung entschieden haben, um sich darauf konzentrieren zu können, ohne nebenher einen Zweitjob ausüben zu müssen.

Den meisten Befragten reicht das erzielte Nettogehalt für den Lebensunterhalt nicht aus. Dabei liegt das Gehalt in Höhe von 1.050 Euro brutto im oberen Bereich dessen, was bundesweit in ErzieherInausbildungsgängen mit Praxiseinsatz bezahlt wird. Die Höhe der Vergütung variiert in den Bundesländern erheblich. Nicht einschlägig vorgebildete FachschülerInnen in praxisintegrierten und vergüteten Ausbildungsgängen für ErzieherInnen können monatlich in der Regel zwischen 350 und 1.200 Euro brutto verdienen5. Um den Verdienstverlust während der Ausbildungszeit abzufedern, müssen die von uns Befragten auf Rücklagen zurückgreifen oder den Gehaltsausfall mit dem Einkommen ihrer PartnerInnen auffangen. Eine weitere Variante ist, dass sie zusätzlich nebenher jobben. Die im Bundesmodellprogramm bemessene Vergütung würde es den Teilnehmenden grundsätzlich erlauben, zusätzliche Sozialleistungen, wie beispielsweise Wohngeld oder Kinderzuschlag, zu beantragen. 



Familie und Ausbildung unter einen Hut bringen

Die Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie bzw. Privatleben ist für einen Großteil der QuereinsteigerInnen neben der Vergütung ein zentrales Thema. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie dann lernt, wenn die Kinder im Bett sind. Quereinsteigende, die vorher im Schichtdienst gearbeitet haben, äußern sich hingegen besonders positiv über die neuen Arbeitszeiten.

Die Quereinsteigenden berichteten, dass Ausbildungszeiten, die innerhalb der regulären Arbeitszeiten liegen, sehr gut zu organisieren sind. Ausbildungszeiten, die darüber hinausgehen, also abends und/oder an Wochenenden, werden als belastend erlebt und stellen zudem eine finanzielle Herausforderung dar, wenn die Kinderbetreuung nicht durch Familienmitglieder übernommen werden kann. 

Es wird auch durchaus als ein Widerspruch erlebt, den Beruf aufgrund positiver Erfahrungen mit eigenen Kindern zu wechseln und nun in einer Situation zu sein, in der die eigenen Kinder nicht selten hinten anstehen müssen.



Die Autorinnen

Sandra Schulte ist seit 2010 als Diplom-Pädagogin und PR-Beraterin in der Koordinationsstelle »Chance Quereinstieg/Männer in Kitas« tätig und verantwortet dort die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2015 arbeitet sie in der Koordinationsstelle zusätzlich als wissenschaftliche Mitarbeiterin und begleitet die Modellprojekte im Bundesmodellprogramm »Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas«.

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Canan Korucu-Rieger forschte und lehrte nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaften und Gender Studies an der Universität Bremen zu Diversity und sozialer Ungleichheit in der Migrationsgesellschaft. Zu ihren aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten in der Koordinationsstelle »Chance Quereinstieg/Männer in Kitas« gehören Gender und Diversity in der ErzieherInnen-Ausbildung sowie Methoden der qualitativen Sozialforschung.

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1 Vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (2016): Empfehlungen des Deutschen Vereins zur Implementierung und Ausgestaltung multiprofessioneller Teams und multiprofessionellen Arbeitens in Kindertagesstätten. Empfehlung DV 34/14 vom 16. März 2016.
2 Kratz, J. und Stadler, K. (2015): Teilzeitmodelle in der Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher – Eine Befragung von Lehrkräften, Mentorinnen und Mentoren sowie Studierenden zum Verhältnis der Lernorte Schule und Praxis. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WIFF Studien, Band 24. München, S. 22f.
3 Mehr zum Bundesmodellprogramm unter www.chance-quereinstieg.de, dort »Modellprogramm«, »Modellprogramm Quereinstieg« anklicken.
4 Siehe auch den Film »Chance Quereinstieg« im obenstehenden Netztipp.
5 Vgl. www.chance-quereinstieg.de dort unter »Service«, »Aktuelles« am 16.3.2016 die Überschrift »Zwischen 350 und 1200 Euro brutto für Quer-einsteigende« anklicken, Stand: 07.06.16



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 06-07/16 lesen.


 


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