Betrifft Kinder

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Ein Reggio-inspiriertes Kinderhaus

Mit dem Aufbau eines Reggio-inspirierten Kinderhauses begann für Anna Berndl ein Herzensprojekt. Die »Villa Emilia« ist ein Kinderhaus auf dem Weg zu einer eigenen Kultur des Kindseins, des Lernens, des Zuhörens und des Verstehens. Hier erzählt sie dessen Entstehungsgeschichte.



»Jetzt ist es soweit.« – Ich erinnere mich noch genau an die Worte meiner ehemaligen Kollegin am anderen Ende der Leitung. Gabriele Ros, die Einrichtungsleiterin und Trägervertreterin des außerschulischen Kinder- und Jugendbereiches im Einrichtungsverbund Steinhöring rief mich an. Das war im Frühjahr 2014 – es fühlt sich heute an, als wäre es eine Ewigkeit her. Denn es ist viel geschehen in den letzten drei Jahren – auf dem Weg, der bisher aus vielen Etappen, Erkundungen, Erfahrungen und Erkenntnissen entstand. 






Der Sprung aus der Komfortzone

Der Einrichtungsverbund Steinhöring in Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge München und Freising e.V. plante gemeinsam mit der oberbayerischen Stadt Ebersberg ein neues Kinderhaus für Kinder unter drei Jahren zu bauen und ich bekam das Angebot in das Projekt einzusteigen – um später als Leitung das neue Haus zu eröffnen. Ich sah für mich eine einzigartige Chance, aber zugleich auch eine große Herausforderung: Ich steckte gerade mitten in meinem Studium, hatte vor Kurzem in einer neuen Stelle in einer Kinderkrippe begonnen und meine eigenen Kinder waren gerade erst aus dem Krippenalter heraus. Doch ich wusste auch, dass das Kinderhaus für mich eine Chance wäre, meinen unendlichen Ideen und Visionen nachzugehen, bei einem Träger, der mit mir den Weg gehen würde und der mit mir dieselbe Haltung teilte und auch bis heute teilt. Also nahm ich die Herausforderung an und wagte den Schritt ins Neuland.


Inspiriert von Reggio Emilia 

Am Anfang eines jeden Projektes stehen die inneren Bilder, die Fantasie, eine Vision. Den Reggio Emilia Approach, der mir für viele Jahre nur eine vage Vorstellung blieb, lernte ich während meines Studiums der frühkindlichen inklusiven Bildung an der Hochschule Fulda in einem wissenschaftlichen Kontext zu reflektieren und zu verstehen. Die Seminare regten mich an, meine eigenen Vorstellungen von früher Bildung und das Beziehungsgeflecht Kind und Umfeld zu hinterfragen. Meine neu gewonnenen Erkenntnisse zum reggianischen Bildungsverständnis, der dortigen Kultur der Kindheit und den Kindertageseinrichtungen als Erfahrungs- und Interaktionsräume prägten meine Haltung tiefgreifend und zwangen mich, meine eigene Praxis intensiv zu untersuchen, sie wahrnehmend zu beobachten und meiner Umgebung bewusst zuzuhören. Es war der Beginn einer Entdeckungsreise, einer fortschreitenden Erfahrung, und ich fing an, mir Notizen zu machen – meine Fragen, Gedanken und eigene Hypothesen aufzuschreiben. 

Meinen Ideen und Visionen begegnete die Trägervertreterin bereits bei den ersten Planungstreffen mit großer Offenheit. Die Philosophie des Reggio Emilia Approach inspirierte fortan nicht nur mich, sondern alle Beteiligten: Den Träger, die Architekten, die zukünftigen Kolleginnen. Dieses große Vertrauen in mich ermöglichte mir von Anfang an eine intensive Mitgestaltung und aktives Konstruieren im Prozess. Vom Reggio Emilia Approach inspiriert zu sein, bedeutet für mich eine stetige Auseinandersetzung mit einer Erziehungsphilosophie, die kein starres System bedient, sondern von einem humanistischen Menschenbild und einer demokratischen Gesellschaftsvorstellung geleitet wird. Statt Anleitung nimmt sie die Dialoge zwischen Kindern und Erwachsenen, mit Räumen und Materialien, die Fragen und das prozesshafte Lernen in den Fokus und misst der sozialen Erziehungsgemeinschaft eine substantielle Bedeutung zu – getragen von Wertschätzung, Vertrauen und Zuhören. 

Sich von etwas inspirieren zu lassen, bedarf einer Betrachtungsweise, die sich zwar mit dem jeweiligen Kontext und dessen Geschichte auseinandersetzt, aber das eigene, reale Umfeld mit den spezifischen Eigenschaften nicht aus den Augen verliert. So kann die Inspiration niemals eine Übernahme und der Einsatz von etwas »Fertigem« sein, sondern ist stets eine Basis für die Reflexion, um eigene Wege zu zeichnen.



Die gebürtige Finnin Anna Berndl, Jahrgang 1980 ist gelernte Heilerziehungspflegerin, studierte »frühkindliche inklusive Bildung« an der Hochschule Fulda und leitet seit 2015 das Kinderhaus Villa Emilia. 

Kontakt
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Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 01-02/17 lesen.
 


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