Betrifft Kinder

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Kinder- und Jugendbuchautorin

In der Reihe »Erinnerungen für heute« stellt Jutta Gruber Persönlichkeiten der jüngeren Zeitgeschichte vor und zeigt, wie dicht Biografien und Lebenswerke oft miteinander verwoben sind. In der vorliegenden Ausgabe widmet sie sich der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren, die mit einfachen Worten große Dinge sagte. 



Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun. Astrid Lindgren


Ein lebhaftes Kind sei Astrid gewesen, erinnert sich eine Schulfreundin zu deren 90. Geburtstag. Regelrechte Blitze seien von ihr ausgegangen. Darüber, ob sich die am 14. November 1907 in Südschweden geborene Astrid Anna Emilia Ericsson auch so erlebte, lässt sich nur spekulieren. Erinnerungen an ihre Kindheit, wie z.B. in ihrer 1975 erschienenen Sammlung »Das entschwundene Land«, hinterließ sie nicht viele.

Lieber schrieb sie Bücher für Kinder und Jugendliche. Am Ende ist sie mit über 100 Publikationen und einer Gesamtauflage von 160 Millionen eine der bekanntesten Kinder- und JugendbuchautorInnen und meist übersetzten AutorInnen der ganzen Welt. Ihrem Anliegen, etwas zu schreiben, das nur für Kinder lustig ist und ihnen ihre vielleicht weniger schöne Kindheit ein wenig zu vergolden, blieb sie ein Leben lang treu. 

Das Psychologisieren und Interpretieren waren ihr jedoch fremd. Äußerungen zu gesellschaftlichen Themen oder zu zahlreichen KritikerInnen, die die subversiven Kräfte – insbesondere ihrer Protagonistin Pippi Langstrumpf – fürchteten, blieben die Ausnahme. 

Eine dieser Ausnahmen ist ihr Leserbrief im Frauenmagazin »Husmodern« von 1948, der sich – wie ich finde – erschreckend aktuell liest. Darin reagiert sie auf einen Beitrag der damaligen schwedischen Staatssekretärin Ewa Sällberg, die sich über die unerzogene Pippi Langstrumpf und über »das ständige Gerede über die Rechte der Kinder«1 empört. Elegant führt Lindgren Sällbergs Plädoyer gegen die freie, antiautoritäre Erziehung und für die Rückbesinnung auf altbewährte Gehorsamkeitserziehung und elterliche Instinkte ad absurdum (siehe nebenseitig abgedruckter Leserbrief)2







Sie selbst habe in ihrer Kindheit viel Liebe bekommen, erinnert sich die auf dem abgeschiedenen Hof Näs in der Nähe des Ortes Vimmerby geborene Astrid Lindgren fast 90-jährig in einem Interview. Wie alle Kinder småländischer Bauern hatte auch sie tägliche Arbeiten zu verrichten, Rübenverziehen oder Brennnesseln ausrupfen: »Was einem aufgetragen war, das hatte man zu tun.«3 Doch es blieb ausreichend Zeit für das Allerwichtigste: »Als Kind wollte ich immer, immer, immer spielen. Vielleicht ist es gut, wenn man sich in der Kinderzeit so richtig ausspielen kann.«4 SpielgefährtInnen hatte sie in dem nur ein Jahr älteren Bruder Gunnar, den beiden jüngeren Schwestern Stina und Ingegerd und den anderen Kindern der in winzigen Hütten lebenden Tagelöhner reichlich. 

Das geschwisterliche Spiel begann oft schon beim Aufwachen. Noch unter der Bettdecke erzählten sich die Geschwister ihre Träume, um anschließend durchs Schlafzimmer zu klettern, ohne den Fußboden zu berühren: »Im Schlafzimmer ging es so hoch her, dass man fast jede Woche den Kamin neu weißen musste.«5 Die Eltern – Bauersleute mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, einer Menge gesundem Menschenverstand und einer guten Portion Humor – ließen ihren Kindern viele Freiheiten.  



Liebe, Spiel und Natur 

Am meisten jedoch habe sich ihr die Natur eingeprägt: »Wir lebten ganz mit der Natur. Als ich klein war, spielte sich fast das ganze Leben draußen ab. Wenn ich an meine Kindertage zurückdenke, dann fallen mir als Erstes nicht die Menschen von damals ein, sondern die Wiesen und Wälder. Für mich ist die Natur das Wichtigste von allem. Ich brauche und liebe sie über alles.«6 

Das stundenlange Stillsitzen in der Schule fällt dem Landkind zunächst schwer, doch mit der Zeit findet Astrid Spaß am Lernen. Ihre Leistungen sind so gut, dass sie von der Volksschule zur weiterführenden Realschule wechselt, eine Besonderheit für eine Familie, die sich von dem ernähren muss, was die steinigen Äcker Smålands hergeben, denn das Schulgeld beträgt 30 Kronen im Halbjahr. Sie bekommt Zugang zur Schulbibliothek und entdeckt »das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das Leseabenteuer.«7

Mit 13 Jahren endet Astrids Kindheit gefühlt schlagartig: »Ich (...) merkte, dass ich nicht mehr spielen konnte. Ich stellte es fest. Es ging einfach nicht. Es war entsetzlich. Und traurig. Und ich glaube, das haben alle Kinder in diesem Alter erlebt. Ich kann euch nur sagen: Verzweifelt nicht am Leben! Denn das geht vorbei. Diese traurige Zeit nimmt ein Ende. Und alles wird wieder gut.«8 

 


Jutta Gruber M.A. studierte Philosophie, Germanistik und Pädagogik. Sie war Vorstandsmitglied im Bundesverband Natürlich Lernen e.V., lebt und arbeitet als Autorin, Journalistin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in Berlin und hat eine erwachsene Tochter. 

Kontakt
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1 Strömstedt M. (2001): Astrid Lindgren. Ein Lebensbild. Hamburg, S. 238
2 Leserbrief von Astrid Lindgren auf einen Beitrag von Ewa Sällberg in Husmodern, Nr. 15 Jg. 1948. Zitiert nach Strömstedt M. (2001): Astrid Lindgren. Ein Lebensbild. Hamburg, S. 239
3 Gottschalk M. (2006): Jenseits von Bullerbü. Weinheim, Basel, S. 16
4 Lindgren A. (2002): Das Paradies der Kinder. Die Kinderbuch-Klassikerin im Gespräch mit Felizitas von Schönborn. Berlin, S. 38
5 Björk Chr., Eriksson E. (2007): Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzligen Pferden. Hamburg, S. 14 
6 Lindgren (2002) S. 34
7 Gottschalk (2006) S. 31
8 Ljunggren K. (2011): Besuch bei Astrid Lindgren. Auf den Spuren einer Geschichtenerzählerin. Hamburg, S. 70

 
Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 06-07/17 lesen.



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