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Start Zeitschrift Kinder in Europa KE 16/09 Eine mentale Brücke bauen

Eine mentale Brücke bauen

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Warum ist es für junge Kinder wichtiger denn je, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen? Goeffrey Boulton sucht nach Antworten

Als Naturwissenschaftler – Geologe – ohne Ausbildung in Pädagogik und ohne professionelle Erfahrung in der Bildung junger Kinder (abgesehen von meinen skeptischen und anspruchsvollen Töchtern) habe ich nur eine geringe Qualifikation, um diesen Artikel zu schreiben. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anführen, dass ich eine Leidenschaft dafür habe, meinen Studenten dabei zu helfen, die Welt um sie herum zu beobachten, Fragen zu stellen und damit zu experimentieren, wie und warum sie funktioniert, wie sie es tut, und in diesem Prozess ein tieferes Verständnis für ihre beeindruckende Schönheit, Vielfalt, Komplexität und Eleganz zu entwickeln. Ich habe öffentliche wissenschaftliche Ausstellungen organisiert und Vorträge vor jungen Kindern gehalten, ich war beteiligt an Initiativen wie der wissenschaftlichen Untersuchung von »Children in Scotland« über das Lernen (»Warum ist der Himmel blau?«).

Warum ist das Lernen auf dem Gebiet der Naturwissenschaft so wichtig? Zu den üblicherweise genannten Gründen – ihre Rolle in der Wirtschaft; ihr Beitrag zum Bedürfnis jedes Menschen, sich selbst zu verstehen, unserem Leben und der Welt, in der wir leben, einen Sinn zu geben; zu verstehen, wie wir die Welt kreiert haben und wie wir von ihr kreiert werden – würde ich noch einen weiteren Grund hinzufügen. Nämlich die allmählich aufkommende Einsicht, dass die Menschheit jetzt ebenso mächtig geworden ist, unseren Planeten zu verändern, wie die anderen Kräfte der Veränderung, die Ozeane der Erde, ihre Flüsse und Vulkane. Wir und unsere Ökonomie sind Teil der Umwelt, sind nicht von ihr zu trennen, und wenn Regierungen und Gesellschaft schwere Entscheidungen treffen müssen, um diese Realität zu verändern, und die Bürger ihre angemessene Rolle in der Demokratie spielen sollen, dann haben die Wissenschaften eine wichtige Aufgabe dabei.

Es ist ebenso wichtig, dass wir die Realität des wissenschaftlichen Betriebs besser verstehen. Er wird im Westen als geheimnisvolle fachliche Spezialisierung betrachtet, die in den Medien von bärtigen Männern in weißen Kitteln repräsentiert wird, die wie Frankenstein über brodelnden Testgläsern brüten oder in den Stoff des Lebens selbst eingreifen. Aber die Wissenschaft ist Teil des instinktiven Wunsches, verstehen zu wollen, Bedeutung zu finden, sich selbst, den eigenen Handlungen und der Welt einen Platz zu geben – was die Essenz des Menschseins ausmacht. Die experimentelle Tradition der Wissenschaft hat sich als enorm stark erwiesen, um zu weiteren Erkundungen und besserem Verstehen zu gelangen. Vom Höhlenmenschen bis zur Gegenwart ist dieses Verständnis für die Natur und das Verständnis des Menschen von sich selbst der Grund, auf dem der soziale, kulturelle und ökonomische Fortschritt aufbaut. Wenn wir dummerweise die Parodie vom Zweck und Prozess der Wissenschaft akzeptieren, wie sie weiter oben kurz beschrieben war, wird das unsere Kapazität, als Gesellschaft die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen zu bewältigen, gründlich zerstören. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass die Wissenschaft in den Entwicklungsländern als eine Kraft gesehen wird, die dabei helfen kann, eine bessere Zukunft zu gestalten, während sie im Gegensatz dazu im Westen seit Jahrzehnten ihre Anziehungskraft mehr und mehr verliert.

Eine der grundlegenden Phasen im Leben der Kinder ist seit langem als Übergangszeit anerkannt: von dem Stadium, in dem sie in einer empirischen Welt der Sinne leben, zu einem Stadium, in dem sie die Fähigkeit entwickeln, mit dem Abstrakten umzugehen. In früheren Stadien lernen sie durch Spiel, durch Berühren und Erspüren der äußeren Welt. Sie lernen, diese Welt mit Worten und Bildern zu erfassen und auszudrücken; sie beginnen, sie logisch zu ordnen und Probleme in dieser konkreten Welt mit Hilfe der expliziten Logik zu lö-sen. Es ist eine Welt der erkannten Muster, der Klassifizierung. Eine Welt, die die Griechen als bestehend aus »Erde, Luft, Feuer und Wasser« erklärten, und die Linnaeus, der schwedische Begründer der Botanik und Systematik aus dem 18. Jahrhunderts, in seine Familien, Gattungen und Arten von Pflanzen eingebettet hat. Eine wunderbar reiche Welt für unsere Kinder und viele sehr kreative Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer.

Die Schwierigkeit, die Wissenschaften kennenzulernen, besteht darin, eine mentale Brücke zu bauen – von einer empirischen Welt der Sinne zur Welt der Abstraktion. Es ist eine Brücke, die manche nicht überqueren. Man kann die Schwerkraft nicht sehen, man kann eine Kraft nicht sehen, aber wir schlussfolgern, dass Kräfte existieren, aus der Art und Weise, wie sich Gegenstände verhalten. Sie sind Teil der Konstruktion, mit der wir die wissenschaftliche Sicht auf unser Universum strukturieren. Sie sind der Intuition oft gerade entgegengesetzt. Wenn ich eine Kugel horizontal aus einem Gewehr abfeuere und genau gleichzeitig eine Kugel der gleichen Form und Masse in gleicher Höhe aus meiner Hand fällt – welche wird den Boden zuerst erreichen? Die intuitive Antwort heißt: Die Kugel, die ich fallenlasse. Die der Intuition entgegengesetzte Realität ist: Beide schlagen gleichzeitig auf dem Boden auf. Und der Grund dafür? Die Schwerkraft. (Das ist übrigens auch ein gutes Experiment für den Unterricht, man sollte nur kein Gewehr benutzen!)

Aber sind diese Abstraktionen anders als die Abstraktionen des Volksglaubens oder der Religion? Ja, sie sind anders. Die Schwerkraft ist nicht materiell und kann nicht direkt beobachtet werden. Sie ist ein Axiom. Aber ein Axiom, das getestet und potenziell auch als falsch erkannt werden kann. Ein Wissenschaftler mag an Gott glauben, aber als Axiom kann Gott nicht getestet werden. Wir können Voraussagen über die Wirkung der Schwerkraft abgeben, jedoch nicht über die Handlungen von Gott.

Das andere Problem für die Wissenschaft ist das weit verbreitete Missverständnis, dass die Wissenschaft immer eindeutige und endgültige Antworten gibt. Dieses Missverständnis ist zwar verständlich, aber bedauerlich. Verständlich, weil die Wissenschaften, die an der Schule gelehrt werden, sich mit den Dingen beschäftigen, die wir wirklich völlig verstehen. Zugleich bedauerlich, denn obwohl vieles in den Wissenschaften sich mit Dingen befasst, die wir in der Tat gut verstanden haben, liegt doch auch vieles aus dem Bereich der technischen oder naturwissenschaftlichen Innovationen, was die öffentliche Aufmerksamkeit erregt, an der Grenze oder jenseits der Grenze dessen, was wir gegenwärtig genau wissen.

Der wissenschaftliche Fortschritt – das ist wie das Schlagen einer Lichtung in einem unendlichen Wald. Je größer die Lichtung, desto mehr Bäume kann man sehen. Doch viele der Themen, die die öffentliche Aufmerksamkeit erregen, liegen jenseits der Grenze der Lichtung und sind nur schwach zu erkennen. Wenn also die Lichtung größer wird, wächst nicht nur unser Wissen, sondern auch die Liste der Dinge, die wir noch nicht verstehen. Und die öffentliche Sichtweise ist eher die, dass die Unsicherheit wächst als dass sie abnimmt. Das bringt eine Atmosphäre der Verwirrung für Kinder mit sich. Und auch die Eltern sind irritiert von den Auseinandersetzungen der Wissenschaftler darüber, wie man Ernährung, Impfungen, HIV und die globale Erderwärmung beurteilen soll. Ein Teil der Herausforderung, vor der Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer stehen, ist daher, herauszufinden, wie sie mit Wilhelm Gauss’ Kommentar zurechtkommen sollen, dass »die Unsicherheit grundlegender Teil des menschlichen Verständnisses ist«, und wie sie mit der Auswirkung dieser Unsicherheit auf das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft und das Vertrauen der Kinder ins Lernen umgehen sollen.

Das sind – so glaube ich – einige der großen Themen im Zusammenhang mit der Frage, wie wir Kinder in Naturwissenschaften unterrichten und ausbilden sollten. Wie bauen wir die Brücke zwischen dem Greifbaren und dem Abstrakten? Wie gehen wir mit dem Ungewissen um?

Gegenwärtig besteht die Gefahr, dass die globale Finanzkrise die finanziellen Mittel für die Bildung einschränkt. Das bedeutet, dass wir mit einem Berg von Schulden, den wir unseren Kindern hinterlassen, ihre Zukunft belasten und sie dieser Zukunft berauben. Lassen Sie uns daher nicht ihre Bildung einschränken, wo wir ihnen doch schon den globalen Klimawechsel und einen seiner Ressourcen beraubten Planeten aufbürden – was eine gebildete Bevölkerung, internationales Verständnis und eine Zusammenarbeit in bisher nie dagewesenem Ausmaß verlangt. Unsere Kinder brauchen und verdienen eine Bildung, die sie darauf vorbereitet, nicht durch Unsicherheiten oder Schwierigkeiten irritiert zu werden, sondern sie vielmehr in die Lage versetzt, sie zu enträtseln.

Das letzte Wort in dieser Sache überlasse ich Lord Brougham. Er sagte in einer Rede vor dem Parlament Großbritanniens im frühen 19. Jahrhundert: »Ich vertraue dem Schulmeister, der mit seiner Fibel bewaffnet ist, mehr als dem Soldaten in voller militärischer Ausrüstung, die Freiheit des Landes zu erhalten und zu erweitern. Bildung führt dazu, dass die Menschen leicht zu führen sind, aber schwer zu dirigieren, leicht zu regieren, aber unmöglich zu versklaven.«


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