Betrifft Kinder

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oder
Eine Sprachbrücke zwischen
Familie und Kita



»Sprache macht stark!« wurde in enger Zusammenarbeit der Stadt Ludwigshafen am Rhein und der Universität Mannheim entwickelt. Zielgruppe sind Zwei- bis Vierjährige mit Migrationshintergrund oder aus sozial und bildungsbenachteiligten Familien, die durch das Projekt beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützt werden. Durch den frühen Beginn der Förderung werden einerseits die besondere Aufnahmefähigkeit und natürliche Motivation der Kinder genutzt, andererseits wird potentiellen Benachteiligungen vorgebeugt. Sprachförderung findet in Kleingruppen, im pädagogischen Alltag und in Eltern-Kind-Gruppen statt. Somit werden alle relevanten Interaktionspartner der Kinder einbezogen.


These 1:
Kinder, die im Alter von zwei bis vier Jahren Deutsch lernen, nutzen ihre natürlichen Spracherwerbsstrategien.


Aus der Spracherwerbsforschung weiß man, dass Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren das ihnen angeborene Talent zum Erwerb einer zweiten Sprache nutzen können, wenn man ihnen eine Erwerbsgelegenheit bietet. Je früher der Kontakt mit einer neuen Sprache stattfindet, desto größer ist die Chance, eine Kompetenz zu erreichen, die der eines Muttersprachlers nahekommt. Ein dreijähriges Kind meistert die Grundstrukturen der deutschen Sprache bereits innerhalb kürzester Zeit, wenn es ein ausreichendes Sprachangebot nutzen kann. Aus diesem Grund beginnt die Sprachförderung bei »Sprache macht stark!« so früh wie möglich: schon bei Eintritt der Kinder in den Kindergarten. Kleingruppen mit maximal vier Kindern ermöglichen es der Erzieherin, mit jedem Kind in einen Dialog zu treten und es als Gesprächspartner ernst zu nehmen.

Da Kinder in diesem Alter Sprachen unbewusst erwerben, reicht es für die Entwicklung der Grammatik aus, wenn Spiele, Situationen und Aktivitäten, die die Kinder betreffen und interessieren, versprachlicht werden. Dies setzt voraus, dass die Erzieherinnen ihr sprachliches Angebot bewusst reflektieren. Um die Entwicklung des Wortschatzes zu unterstützen und eine Vernetzung der Kleingruppenarbeit mit anderen Elementen der Sprachförderung zu ermöglichen, wird die Förderung durch Themenfelder aus der Alltagsrealität der Zwei- bis Vierjährigen (zum Beispiel »Kleidung«, »Meine Kita«, »Tiere«) strukturiert. Themenfelder entwickeln sich aus Situationen, die aktuell für die Kinder bedeutsam sind. Wie dies in der Praxis aussieht, lässt sich am Beispiel des Themenfeldes »Essen und Trinken« veranschaulichen:

Zunächst legen die Sprachförderkräfte einen Grundwortschatz (zum Beispiel: schälen, durchschneiden, süß, sauer, lecker) für das Themenfeld fest und planen alltagsnahe Aktivitäten zu diesem Bereich, der einen Ausschnitt aus dem aktuellen Themenfeld darstellt.

Beim Thema »Obst« bietet es sich an, dass die Kleingruppe auf den Markt oder in ein Lebensmittelgeschäft geht, um Obst einzukaufen. Zuvor wird der Wortschatz eingeführt. Ein »Einkaufszettel« entsteht, indem die Kinder aus verschiedenen Bildkarten mit Lebensmitteln aus dem Wortschatz diejenigen auswählen, auf denen zu sehen ist, was sie einkaufen wollen. Nach dem Einkauf können die Kinder das Obst mit allen Sinnen erfassen. Wichtig ist, dass die Erzieherin dabei sämtliche Handlungen intensiv sprachlich begleitet: »Welche Früchte fehlen uns noch? Ich schäle jetzt die Orange, und dann probieren wir, ob sie süß oder sauer schmeckt.« Dabei spielt es keine Rolle, dass die Kinder vielleicht noch nicht jedes Wort verstehen: Da sie viel darüber wissen, wie Sprache funktioniert, können sie sich oftmals erschließen, worüber die Erzieherin gerade spricht. In der intensiven Interaktion und durch die Wiederholungen in unterschiedlichen Kontexten erwerben sie schnell viele neue Wörter.


These 2:
Eltern sind in der Erstsprache wichtige Sprachvorbilder ihrer Kinder und werden in dieser Rolle gestärkt, wenn sie in die Sprachförderung einbezogen werden.


Eltern mit Migrationshintergrund stehen vor folgender Herausforderung: Zum einen möchten sie ihr Kind optimal in der (Sprach-)Entwicklung unterstützen, zum anderen fühlen sie sich verunsichert, weil sie oftmals das Deutsche selbst nicht gut beherrschen. Die meisten Familien mit Migrationshintergrund entscheiden sich dafür, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu sprechen. Deshalb begegnen die Kinder der deutschen Sprache häufig erst in der Kindertagesstätte. Durch die aktuellen Diskussionen darüber, wie wichtig Deutsch für die Bildungschancen ist, sind die Eltern jedoch verunsichert, ob sie ihrem Kind damit tatsächlich etwas Gutes tun. In »Sprache macht stark!« erleben sie: Die Förderung in der Zweitsprache schließt nicht aus, dass zu Hause weiterhin in der Familiensprache geredet wird. Zudem bekommen sie die Möglichkeit mitzuerleben, wie schnell und »spielend« die Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren die Zweitsprache Deutsch erwerben, wenn sie strukturiert gefördert werden.

In den Eltern-Kind-Gruppen von »Sprache macht stark!« nehmen sich die Erzieherinnen Zeit, den Eltern zu erklären, wie wichtig es ist, mit dem Kind in der Sprache zu sprechen, die sie selbst sicher beherrschen. Zudem zeigen die Erzieherinnen ihnen Wege auf, wie sie den Deutscherwerb ihrer Kinder unterstützen können: zum Beispiel durch regelmäßigen Besuch der Kindertagesstätte, Teilnahme an der Eltern-Kind-Gruppe, Kontakte mit deutschen Kindern. Gleichzeitig werden sie darin bestärkt, mit ihren Kindern weiterhin in der Erstsprache zu kommunizieren und bekommen Tipps und Anregungen, wie sie das in Situationen des Familienalltags machen können. Sie erleben die Erzieherinnen als Vorbilder für gutes Sprachverhalten und nehmen Lieder und Spielvorschläge mit nach Hause. Zu Hause dienen die Themenfelder als Sprechanlässe, und die Kinder lernen das jeweilige Themenfeld aus einer anderen Perspektive kennen. In den Eltern-Kind-Gruppen erfahren die Kinder die Wertschätzung ihrer Eltern für die deutsche Sprache und die Wertschätzung der Erzieherin für ihre Familiensprache: ein deutliches Signal für die Gleichwertigkeit der Sprachen und gleichzeitig eine Herausforderung, in beiden Sprachen zu kommunizieren.

In den Eltern-Kind-Gruppen werden die Eltern mit ihren Kompetenzen aktiv einbezogen und haben gemeinsam mit ihren Kindern und anderen Familien Spaß an Sprache. Im Laufe des Jahres wächst die Gruppe zusammen, die Eltern fassen genug Vertrauen, Fragen zu stellen, Bedürfnisse zu äußern und die Erzieherinnen anzusprechen, auch wenn sie sich auf Deutsch nicht gut ausdrücken können. Dieser intensive Kontakt stellt eine gute Basis für die Erziehungspartnerschaft mit Migrantenfamilien dar.

»Sprache macht stark!« richtet sich aber auch an deutsche Familien, deren Kinder Sprachförderbedarf haben. In den Eltern-Kind-Gruppen werden sie gestärkt, intensiver miteinander zu kommunizieren und ihre Kinder zum Beispiel mit Spielen, Liedern und Kinderbüchern in der Sprachentwicklung zu unterstützen.

Ein Beispiel aus Eltern-Kind-Gruppe zum Themenfeld »Essen und Trinken«: Obstsalat machen. Das Obst, das zuvor mit der Kleingruppe eingekauft wurde, wird vorgestellt. Eltern und Kinder bereiten gemeinsam einen Obstsalat zu. In der Gesamtgruppe ist Deutsch die Verkehrssprache. Die Erzieherinnen wiederholen den Wortschatz auf Deutsch. Während des Obstschneidens besprechen Mutter oder Vater und Kind die Obstsorten, die Eigenschaften des Obstes und wie klein es geschnitten werden soll, in ihrer Familiensprache. Der Obstsalat wird anschließend gemeinsam gegessen. Auch dabei wird darüber gesprochen, wie das Obst schmeckt und welches Obst die Kinder am liebsten mögen.

Während einer Freispielphase für die Kinder findet die moderierte Nachbesprechung für die Eltern statt. Eine Erzieherin bespricht mit den Eltern, welche Situationen sie in ihrem Alltag nutzen können, um mit den Kindern über Obst zu sprechen. Einen Tipp bekommen sie für die kommende Woche noch mit auf den Weg: »Lesen Sie ihren Kindern beim Einkaufen im Supermarkt die Obstnamen auf den Preisschildern vor und lassen Sie sich von Ihren Kindern die Früchte zeigen.«


These 3:
Das ganze Team ist verantwortlich für die erfolgreiche Umsetzung der Sprachförderung.


Sprachförderung der neuen Kinder in der Kita kann ganz selbstverständlich in den Kita-Alltag einfließen, wenn alle Erzieherinnen bewusst in allen Situationen auf ihr Sprachverhalten achten. So kommt die Förderung im pädagogischen Alltag nicht nur den Kleingruppen-Kindern zugute, sondern der sprachliche Umgang im Haus verändert sich.

Im pädagogischen Alltag werden die Themenfelder gezielt aufgegriffen und Spiele oder Lieder mit den Kleingruppen-Kindern (und ihren Freunden und Freundinnen) wiederholt. Anregungen dazu finden die Kolleginnen auf einer Infowand, auf der die Sprachförderkräfte das aktuelle Themenfeld und den ausgewählten Wortschatz darstellen.

Die Sprachförderkräfte können jederzeit zu Rate gezogen werden, wenn Erzieherinnen sich Sorgen um die Sprachentwicklung eines Kindes machen. Hospitationen in den Kleingruppen geben ihnen die Möglichkeit mitzuerleben, wie abwechslungsreich Sprachförderung gestaltet werden kann. Bei den Teamsitzungen, in denen Sprache ein fester Tagesordnungspunkt ist, findet ein Austausch statt, der es ermöglicht, Sprachförderung mit aktuellen Projekten zu verknüpfen und in kontinuierliche Aktivitäten wie zum Beispiel einen Waldtag gezielt einfließen zu lassen.

Die Kinder werden rundum »in Sprache gebadet«, wenn ein Team dies als seine gemeinsame Aufgabe auffasst und selbst gezielt Kompetenzen erwirbt, statt diese Aufgabe an eine externe Honorarkraft abzugeben. »Sprache macht stark!« bietet dazu erprobte Strukturen, die gleichzeitig viel Freiraum für eine kitaspezifische Herangehensweise lassen.

Ein Beispiel aus dem pädagogischen Alltag zum Themenfeld »Essen und Trinken«: Obst beim Mittagessen. Die Kinder haben aus der Kleingruppe eine Schale Obst mitgebracht. Beim Mittagessen schält die Erzieherin das Obst, und alle bekommen davon etwas zum Nachtisch. Beim Versprachlichen achtet sie darauf, die Worte aus dem Wortschatz des Themenfeldes oft zu wiederholen und spricht die Kleingruppen-Kinder gezielt darauf an, wo sie das Obst gekauft haben und wie es ihnen schmeckt. Auch in den nächsten Tagen greift sie Möglichkeiten auf, mit den Kindern im pädagogischen Alltag über Obst zu sprechen. Im Personalzimmer findet sie dazu auf der Pinnwand mit der »Sprache macht stark!«-Ideenbörse viele Anregungen.
Susanne Kühn und Vytautas Lemke


Literaturtipp
Tracy, R.: Wie Kinder Sprachen lernen. Francke Verlag 2007,
ISBN 978-3-7720-8224-5


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 01-02/08 lesen.
 

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