Betrifft Kinder

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Ein Projekt zur Erfassung und Förderung des kindlichen Selbstkonzepts im Kindergarten

»Wer bin ich?« »Was mag ich und was mag ich nicht?« »Was kann ich schon richtig gut und was muss ich noch lernen? « – diese Fragen zu beantworten, ist für viele Kinder nicht einfach. Jedoch müssen sie lernen, eine Antwort darauf zu finden, um selbstbewusst aufzutreten und sagen zu können, was sie möchten und was nicht. Dafür müssen sich Kinder selbst kennenlernen und ein Selbstkonzept entwickeln. Damit ihnen dies gelingt, brauchen sie die Begleitung und Unterstützung von Bezugspersonen. Im Projekt »Ich bin ich – die Erfassung und gezielte Förderung des Selbstkonzepts von Kindern« wird an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd in Kooperation mit der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken gGmbH (aim) erforscht, wie diese Begleitung in der Kita gelingen kann.



Das Selbstkonzept – Definition

Was ist ein Selbstkonzept und warum brauchen das Kinder? Das Selbstkonzept ist die Sicht, die Kinder auf sich selbst haben. Das gilt für all ihre Vorstellungen, Einschätzungen und Bewertungen auf sich selbst, die sich auf Teilaspekte (»Ich kann noch nicht so gut meinen Namen schreiben.«) oder die ganze Person beziehen können (»Ich weiß schon richtig viel.«).

Ein Selbstkonzept ist eines der Fundamente, auf denen kindliche Entwicklung aufbaut. Es hilft den Kindern nicht nur Enttäuschungen bei Misserfolgen zu überwinden, sondern auch schwierige Lebenssituationen zu meistern. Es gilt daher als ein wichtiger Resilienzfaktor. Das Selbstkonzept und seine Entwicklung wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, zum einen von biologischen Faktoren und zum anderen von äußeren Einflüssen. Es kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, z.B. aus der

  • kognitiven Perspektive – das Wissen über sich (z.B. »Ich schaue mir gerne Bücher an«).
  • affektiven Perspektive – Selbstwert und Selbstvertrauen (z.B. »Ich bin ein wichtiger Teil in meiner Gruppe.«).
  • zeitlichen Perspektive – »So war ich, so bin ich, so werde ich sein.« (z.B. »Als ich noch klein war, konnte ich noch gar nicht laufen, jetzt kann ich schon ganz schnell rennen und wenn ich noch größer bin, renne ich ganz ganz schnell.«)
  • Unterscheidung zwischen Idealselbst – »So möchte/sollte ich sein.« (z.B. »Ich möchte später mal so mutig sein, wie eine Feuerwehrfrau/ein Feuerwehrmann. «) und Realselbst – »So bin ich« (z. B. »Jetzt bin ich noch zu klein und habe Angst vor dem Feuer und Rauch.«).


Das Kind bringt bereits die Fähigkeiten mit, ein Selbstkonzept zu entwickeln, es sind jedoch mehrere Schritte und Erfahrungen notwendig, um sich in verschiedenen Bereichen ein Wissen über sich selbst zu erarbeiten.

Die Entwicklung des Selbstkonzeptes beginnt nach Daniel Stern schon mit der Geburt durch ein immer differenzierter werdendes Selbstempfinden. So unterscheidet das Kind zuerst körperlich zwischen sich und dem anderen, sodass immer mehr soziale Interaktion möglich wird, indem das Kind gemeinsam mit der Bezugsperson die Aufmerksamkeit auf einen interessanten Gegenstand oder eine Situation lenken kann. Das Kind wird sich bewusst, eine eigene Person zu sein, mit eigenen Gefühlen und Gedanken, die es mit anderen teilen kann. Dies passiert zunächst nonverbal, indem das Kind körperlich seine Freude, Trauer, Interesse usw. zum Ausdruck bringt, später immer mehr mit Worten und Sätzen. Wenn die Kinder circa drei Jahre alt sind, können sie gemeinsam mit den Bezugspersonen Erlebnisse erzählen, während vorher vor allem die Bezugsperson erlebte Situationen zusammengefasst hat. So kann das Kind eine eigene innere Geschichte über sich selbst festigen. Gemeinsam mit den Bindungspersonen und in der Auseinandersetzung mit sich und anderen Kindern wird es sich immer bewusster, wer es ist, was es mag, was es kann und noch lernen muss. Im Elementarbereich verfügen die Kinder vor allem in drei Bereichen über ein Selbstwissen, sie haben ein Fähigkeitsselbstkonzept, ein körperliches und ein soziales Selbstkonzept.



Bedeutung des Selbstkonzeptes für die Kinder

Die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes gilt als eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben für das Kind. Warum ist diese Entwicklung so wichtig? Ein positives Selbstkonzept, das im Kindesalter erworben wird, kann einem Kind helfen, Herausforderungen gut zu bewältigen, sich trotz schwieriger Lebenslagen gut zu entwickeln und Enttäuschungen zu überwinden. Ein positives Selbstkonzept hilft dem Kind aktuelle und zukünftige Entwicklungsaufgaben zu meistern und bei Misserfolg nicht zu resignieren. Zudem ist es eine gute Grundlage dafür, sich in der immer komplexer werdenden Umwelt zurechtzufinden und die Fähigkeit zu haben, die eigenen Kompetenzen bestmöglich zu entfalten. Auch die Beziehungen, die es in jungen Jahren oder im Erwachsenenalter aufbaut, können durch ein starkes Selbstkonzept positiv gestaltet werden. Ein positives Selbstkonzept ist außerdem ein wichtiger Grundstein für Leistungen im schulischen Bereich, da das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und den Lernbedarf die Gestaltung der Kompetenzaneignung unterstützen.


Das Projekt »Ich bin ich«

Gerade weil ein positives Selbstkonzept der Kinder für ihre Entwicklung so bedeutsam ist, muss es anerkannt und gefördert werden. Dieses Ziel verfolgt das Projekt »Ich bin ich«, in dem acht Kindertagesstätten aus dem Raum Heilbronn, Eppingen und Schwäbisch Gmünd mitarbeiten. Die einzelnen Einrichtungen unterscheiden sich nicht nur in der Anzahl ihrer Gruppen und Größe der Teams voneinander, sondern auch in ihren Konzepten und der Trägerzugehörigkeit. Für ein einheitliches Selbstkonzept-Programm waren die Rahmenbedingungen, aber auch die Kinder in den Einrichtungen zu unterschiedlich und die Gefahr, dass das Angebot nicht umgesetzt werden kann, zu groß. Deshalb wurden individuelle Angebote entwickelt, die im Alltag der einzelnen Kita so umgesetzt werden können, dass sie das Selbstkonzept der Kinder stärken.
 


Esther Merget, M.A., ist akademische Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.
Forschungsschwerpunkte liegen in der frühen Selbstkonzeptentwicklung von Kindern in unterschiedlichen Lebenskontexten.


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Gernot Aich, Dr. phil. ist Juniorprofessor für Beratung in der Schule an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Institutsdirektor des Instituts Kindheit, Jugend und Familie und Abteilungsleiter der Abteilung Pädagogische Psychologie, Beratung und Intervention. Projektleiter des »Ich bin ich«-Projektes.

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Eva-Maria Engel, Dr. phil. Dipl. Psych., promovierte zum Selbstkonzept von Kindern. Sie ist Geschäftsführerin des MA-Studiengangs Kindheits- und Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

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Karsten Richert, M.A., ist akademischer Mitarbeiter im Institut Kindheit, Jugend und Familie an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

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Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 07-08/18 lesen.



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