Betrifft Kinder

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  Ist bewusstes Essen zuerst und vor allem ein Akt der Liebe zu Demokratie und Freiheit? Wendell Berry, der »Prophet« des ländlichen Amerika, Verteidiger der ländlichen Gemeinden und Kritiker der Massenproduktion von Lebensmitteln, erklärt warum.

Ich werde oft nach dem Rückgang der Landwirtschaft und des ländlichen Lebens in Amerika gefragt: »Was können Menschen tun, die in der Stadt leben?«
Ich antworte normalerweise: »Bewusst essen.«
Aber ich hatte immer das Gefühl, dass es darüber mehr zu sagen gibt, und jetzt würde ich gern versuchen, das alles genauer zu erklären.

Beginnen wir mit der Tatsache, dass Essen eine Tätigkeit ist, die mit Landwirtschaft zu tun hat. Essen ist das Ende des Kreislaufs der Lebensmittelproduktion, der mit dem Aussäen von Samen beginnt. Das mag offensichtlich sein, aber ein großer Teil der Bevölkerung ist sich dieser Tatsache nicht mehr bewusst. Diese Menschen halten sich selbst für »Verbraucher« von Lebensmitteln, sie kaufen, was sie wollen, und bezahlen dafür einen Preis, ohne darüber nachzudenken. Sie ignorieren meist die grundsätzlichen Fragen zur Qualität der Produkte und den Kosten für die Dinge, die man ihnen verkauft hat. Wie frisch ist das Produkt? Wie sauber oder rein ist es, in welchem Ausmaß ist es frei von gefährlichen Substanzen? Wie weit ist es transportiert worden und inwiefern beeinflusst der Transport die Kosten? Wie viel kosten Produktion, Verpackung und Werbung?

Essen ist für die meisten Menschen eine abstrakte Idee, etwas, worüber sie nicht nachdenken, bis die Lebensmittel in den Regalen ihrer Supermärkte oder auf ihren Tischen auftauchen. Der Käufer der industriell produzierten Lebensmittel kennt die Beziehung zwischen dem Essen und der Erde tatsächlich nicht oder stellt sie sich doch nicht mehr vor. Deshalb ist er zwangsläufig unkritisch. Wenn das Essen nicht länger mit landwirtschaftlicher Arbeit und mit dem Land assoziiert wird, leiden die Leute unter einer Art kultureller Amnesie, einem Gedächtnisschwund, der sie in die Irre leitet und gefährlich ist.

Die Ernährungspolitik sollte auch unsere Freiheit im Blick haben. Wir haben es vernachlässigt, darüber nachzudenken und zu verstehen, dass wir nicht wirklich frei sein können, wenn das, was wir essen, und die Herkunft der Lebensmittel nicht von jemandem kontrolliert werden. Leute, die einfach passiv essen, leben in dieser Hinsicht nicht unter demokratischen Verhältnissen. Das ist ein Grund dafür, bewusst zu essen und frei zu leben.


Essen, Ästhetik und Ethik

Wenn man die Ernährungspolitik diskutiert, sollten auch Ästhetik und Ethik in Betracht gezogen werden. Unsere Küchen und andere Orte, an denen wir essen, werden mehr und mehr wie Tankstellen, so wie unsere Häuser immer mehr Motels gleichen. Wir essen in aller Eile, gehen zur Arbeit und arbeiten in aller Eile, um uns dann an den Abenden, Wochenenden und in den Ferien zu »erholen«. Und wir tun all das und vergessen dabei die Ursachen und Auswirkungen, die Möglichkeiten und den Sinn des menschlichen Lebens auf dieser Welt.

Diese Vergesslichkeit wird von der Werbung der Lebensmittelindustrie aufrechterhalten, in der die Speisen ebenso viel Make-up bekommen wie die Darsteller. Man soll nicht mehr merken, dass die Lebensmittel, für die geworben wird, einmal lebende Organismen waren oder dass sie aus der Erde kommen und als Resultat von Arbeit entstanden sind. Die Produkte aus der Natur und der Landwirtschaft werden zu industriellen Produkten umgeformt und beide, Konsument wie konsumiertes Produkt, werden dabei von der biologischen Realität abgeschnitten. Das Ergebnis ist eine Art von Einsamkeit ohne Präzedenzfall in der menschlichen Erfahrung, in der der Akt des Essens zu einer kommerziellen Transaktion zwischen uns und den Herstellern reduziert wird, zu einer armseligen Transaktion zwischen uns und unserem Essen.

Die Konsumenten müssen verstehen, dass der Vorgang des Essens auf der Erde stattfindet, dass er auf jeden Fall ein landwirtschaftlich geprägter Akt ist und dass die Art, wie wir essen, einen bemerkenswerten Einfluss darauf hat, wie die Welt genutzt wird. Das ist eine einfache Methode, eine Beziehung zu beschreiben, die eigentlich unbeschreiblich komplex ist. Bewusstes, verantwortungsvolles Essen bedeutet, diese komplexe Beziehung so weit wie möglich zu verstehen und in dieser Beziehung zu handeln.


Was können wir als Individuen tun?

Hier folgt eine Liste der Möglichkeiten, die jedoch nicht vollständig ist:
1. Werden Sie bei der Herstellung von Lebensmitteln auf jede mögliche Art und Weise aktiv. Wenn Sie einen Garten oder auch nur einen Blumenkasten auf dem Fensterbrett haben, ziehen Sie dort etwas Essbares. Legen Sie einen kleinen Komposthaufen aus Küchenabfällen an und nutzen die Abfälle als Düngemittel. Nur wenn Sie selbst etwas anbauen, werden Sie in der Lage sein, die Schönheit des Zyklus’ zu schätzen, der vom Boden über den Samen zur Pflanze verläuft, dann zur Frucht, zum Essen, zu den Abfällen, zum Zerfall und schließlich wieder von vorn beginnt. Sie werden für die Nahrung, die Sie selbst angebaut haben, komplett verantwortlich sein und Sie werden alles darüber wissen. Sie werden das Essen richtig würdigen können, da Sie es während seines ganzen »Lebens« gekannt haben.
2. Bereiten Sie das, was Sie essen, selbst zu. Erfinden Sie die Kochkunst und die Kunst des Zuhauseseins in Ihrem Denken und Ihrem Leben dabei für sich selbst neu. Das befähigt Sie, Geld zu sparen und zugleich die Qualität zu kontrollieren. Sie werden dann genau wissen, was in Ihren Mahlzeiten enthalten ist.
3. Informieren Sie sich über die Herkunft der Lebensmittel, die Sie kaufen, und kaufen Sie Lebensmittel, die in Ihrer Nähe produziert worden sind. Lebensmittel aus der Region sind sicherer und frischer. Es ist außerdem für Sie als Konsument einfacher, diese Lebensmittel zu kennen und zu kontrollieren.
4. Wann immer es möglich ist, kaufen Sie direkt bei einem Bauern aus der Region, bei einem örtlichen Gärtner oder einem Gärtner auf dem Markt.
5. Informieren Sie sich so weit wie möglich über die Wirtschaft und die Technologie der industriellen Lebensmittelproduktion. Welche Bestandteile, die den Speisen hinzugefügt werden, sind eigentlich keine Lebensmittel und wie viel bezahlen Sie für diese Zusätze?
6. Informieren Sie sich über die besten Beispiele aus der landwirtschaftlichen Praxis und darüber, was sie auszeichnet und wie man die besten Früchte und das beste Gemüse anbaut.
7. Lernen Sie so viel wie möglich über den Wachstumszyklus verschiedener Lebensmittel – wenn möglich durch direkte Beobachtung und eigene Erfahrung.


Unsere Speisen erkunden

Dieser letzte Aspekt ist besonders wichtig. Viele Menschen haben heute keine Verbindung mehr zum Leben der Tiere und Pflanzen. Allenfalls kümmern sie sich um Blumen oder um ihre Hunde und Katzen. Das ist schade, denn Tiere und Pflanzen zu kennen und zu betreuen – Tierzucht, Gartengestaltung, Gartenarbeit – sind vielfältige und faszinierende Künste, die viel Freude machen können.

Alle sollten Freude am Essen haben und nicht nur die wenige Kenner und Gourmets. Menschen, die Gemüse anbauen, und die wissen, dass ihr Gemüsegarten gesund ist, werden sich immer daran erinnern, wie schön die Pflanzen sind – zum Beispiel im frühen Morgenlicht, wenn der Boden feucht und mit Tau bedeckt ist. Eine Erinnerung wie diese verbindet sich dann auch mit dem Essen und ist einer der Genüsse beim Essen. Und das Wissen, dass der Gemüsegarten in gesundem Zustand ist, erleichtert uns, befreit und tröstet uns.

Dasselbe geschieht, wenn wir Fleisch essen. Der Gedanke an gutes Weideland und an das Kalb, das zufrieden grast, gibt dem Steak mehr Geschmack. Einige Leute, das weiß ich, werden denken, dass es blutrünstig oder noch schlimmer ist, ein Tier zu essen, das wir seit seiner Geburt gekannt haben. Im Gegenteil. Ich denke, gerade das bedeutet, mit Verständnis und Dankbarkeit zu essen. Ein großer Teil der Freude am Essen liegt genau in dieser Kenntnis des Lebens und der Welt, aus der die Nahrung stammt.

Der Genuss am Essen ist der beste Indikator, den wir für unsere Gesundheit haben. Mit größtem Genuss zu essen – ein Genuss, der aus dem Wissen herrührt – ist vielleicht die grundlegendste Art und Weise, unsere Beziehung zur Welt auszudrücken.

Dieser Beitrag ist eine bearbeitete Fassung eines Artikels, der zuerst in MicroMega am 4.10.2004 erschienen ist.

Wendell Berry ist Dichter, Essayist, Romancier und Bauer, er betreibt eine kleine Farm. Er besitzt keinen Computer und benutzt auch keinen.


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