Betrifft Kinder

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Grundsympathisch. So könnte man den ersten Eindruck von Erzieherin Sylvie, einer freundlichen, rotwangigen und ebenso -haarigen Dame mittleren Alters beschreiben. Mit ihrer patenten und herzlichen Art passt die nette Kollegin perfekt in ihr Arbeitsumfeld, den St. Eustachius-Kindergarten im beschaulichen Subbelrath-Wiehlweiler: Draußen rundherum gepflegte Reihenbungalows mit liebevoll bepflanzten und dekorierten Vorgärten, drinnen pädagogische Vielfalt mit wohl ausgestatteten Reggio-, Montessori- und Waldorf-Ecken. Ein perfektes Umfeld für gelingende Pädagogik, sinniere ich gerade, da passiert das Unerwartete... Es war im Morgenkreis, gleich nach der Begrüßung. Sylvie sprach spannungserhöhend: »Dann schauen wir mal, was wir in unseren Morgenkreiskoffer fin...«

Ihr Gesicht verfärbt sich, so dass sich zwischen ihrem roten Mohairpulli und dem kupferroten Kurzhaarschnitt eine einheitliche Farbfläche ergibt. Ton in Ton, denke ich fasziniert, bevor mir der Grund ihres Errötens klar wird: Statt der für das angekündigte Singspiel benötigten Spielfiguren »Anne«, »Kaffeekanne«, »Besenstiel« und »Hansi Heinemann« findet Sylvie im Materialkoffer das »Kohlehydrat-Krokodil«, den »Eiweiß-Eisbären« und das »Fett-Frettchen«, zusammen mit dem Liederbuch »Als Musikant durchs Vollwertland«. Alles Bausteine der Materialkiste »Gesund statt rund – Beim Essen die Gesundheit nicht vergessen«.
Die Kinder starren irritiert auf die Püppchen, und der kleine Jonas leckt sich die Lippen. Ist etwa schon Essenszeit?


»Das hab ich immer befürchtet, dass ich die Koffer mal vertausche! Gerade diese beiden sehen sich so verdammt ähnlich«, seufzt die erfahrene Pädagogin nach einer Schrecksekunde. »Unser Materialkofferraum gehört eh wegen Überfüllung geschlossen...«

»An sich habe ich nur gute Erfahrungen mit den Koffern, aber das kann natürlich mal passieren«, erklärt mir Sylvie später. Ich frage zurück: »Sie waren doch bestimmt völlig aufgeschmissen, als Sie so aus dem Konzept gebracht wurden?«
»Ach nein, ich hab die Kurve noch gekriegt. Da haben wir ja unseren Koffer ›Überraschende Situation – Wenn Erzieherinnen nicht weiter wissen‹ im Schrank, mit tollen Spielen für genau solche Situationen, in denen...«
»Man nicht weiter weiß?« ergänze ich. »Bingo!« sagt Sylvia spitz. »Haben Sie noch eine Frage, die ich vielleicht beantworten könnte?«

Längst wieder zu Haus, denke ich noch über die Kofferbegeisterung der Kollegin nach. Sind die Materialkoffer nur praktische Helfer für überarbeitete Pädagoginnen? Oder wird da ein neues didaktisches Prinzip sichtbar?
Ein klapperndes Geräusch aus dem Nebenraum schreckt mich aus meinen Gedanken auf: Luiserl, meine eineinhalbjährige Tochter, packt wahllos alle möglichen Dinge aus dem Zimmer in einen alten Bastkoffer. Wahllos? Oder stellt sie bereits ihren ersten Materialkoffer zusammen, nach einer geheimen Inventarliste, von der nur die kommende Generation weiß?
Viele Stunden später schlafe ich unruhig ein. Fragen durchziehen meine Träume…

Um sie vom Experten beantwortet zu bekommen, suche ich anderntags das Institut für pädagogische Konzeptarbeit an der TU Hildesheim auf, wo Professor Schlembacher forscht und lehrt, der in Kooperation mit der Bildungsequipment-Industrie für die meisten Lern- und Aktionskoffer, die derzeit auf dem Markt sind, verantwortlich zeichnet.


»Immer mehr Pädagoginnen und Pädagogen in Kindergarten, Schule und Hochschule«, beginne ich etwas weitschweifig mein Frage-Antwort-Spiel, »nutzen für ihre Bildungsarbeit vorbereitete Materialboxen und vertrauen auf die meist überzeugende didaktische Konzeption. Manche Fachleute jedoch sagen, diese – erlauben Sie mir eine provokante Formulierung – ›Kofferpädagogik‹ habe auch ihre Nachteile, weil Erzieherinnen dadurch womöglich verlernen...«

»Entschuldigung!« unterbricht mich der Gelehrte und blickt streng durch seine gewaltige, modisch eher unzeitgemäße Tropfenform-Brille. »Ohne Wortklauberei betreiben zu wollen – bitte nicht ›Kofferpädagogik‹! ›Suitcase-Educatement‹ hat sich zwar in der Szene als Begriff etabliert, aber unser neuer Produktname beschreibt eigentlich besser, worum es geht. ›Bildung to go!‹ klingt warm und modern, trifft das hippe Zeitgefühl.«

Welche Modelle denn besonders gut gehen, will ich von Schlembacher wissen. »Da haben wir unsere Dauerbrenner. Gut verkauft sich ›Frühfranzösisch für Spätzünder‹, ein bilingualer Sprachförderkoffer mit dem Materialpaket ›Vi-ve la France‹. Gut geht auch ›40 Liter Hohlraum – der Materialkoffer zur spielzeugfreien Zeit‹. Unser Senkrechtstarter auf der Verkaufsliste ist der Material- und Aktionskoffer ›Wenn die Worte fehlen – 55 Pausen-Gesprächsimpulse für zerstrittene Teams‹ mit Accessoires wie der Lächel-Maske, der Wut-Bremse und der Besser-Halte-Klappe. Eigentlich gibt es keine Situationen im Kita-Alltag mehr, für die wir keinen hilfreichen Koffer erfinden können.«

Für jede Situation ein Koffer? Schlembacher lächelt breit, sein Mund reicht nun von einem Brillengestell-Außenrand zum anderen. »Das sind nicht nur die klassischen Bildungssituationen! Wir haben auch Ideenpakete für pädagogisch relevante Alltagssituationen erfunden, den Koffer für die Bringesituation etwa oder für den Morgenkreis, den Koffer ›Während die anderen schlafen – Ideen für wache Kinder‹ oder die Box ›Als letzter abgeholt – Einzelförderung für späte Kinder‹. Ganz neu ist »Umwelterziehung an kalten und nassen Tagen – ein Indoor-Set mit Baumstücken aus 3D-Laminat‘...«

Was so nutzbringend im Kindergarten eingesetzt werden kann, könnte das nicht auch andere Lebensbereiche bereichern? »Könnte man nicht«, formuliere ich meinen Einfall, »auch für uns Erwachsene solche Koffer oder To-Go-Suitcases … äh ... anbieten?«
»Machen wir längst«, grinst der findige Forscher. »Wenn ich vorstellen darf: Unser Materialpaket ›Heute geht Vater einkaufen – nützliche Merkzettel, Tipps und Spiele für den Samstags-Shopper‹. Oder: ›Streicheleinheiten für die Ohren – Wortspielkoffer für langjährige Beziehungspartner‹.«

Was ist von dem innovativen Wissenschaftler als nächstes zu erwarten?
»Glauben Sie mir, auch wir haben verstanden«, doziert Schlembacher, »dass Bildungsprozesse am besten unter Menschen, also in Ko-ko-ko…«
»Zwei Ko reichen«, korrigiere ich vorwitzig.
»Danke! In Ko-Konstruktion entstehen. Ein pfiffiges Kind in der Gruppe kann mehr Fragen aufwerfen als das beste Arbeitsmaterial, die schönste Fragenkartei. Deswegen haben wir vor einem Monat einen Koffer in unserer ›BildungLife!‹-Serie auf den Markt gebracht: ›Timmi – Hundert Fragen hat dieses Kind‹.«


Verblüfft werde ich des großformatigen Plastikkoffers mit vielen Lochbohrungen gewahr, dem ein etwa fünfjähriger Junge mit hochinteressiertem Gesichtsausdruck entsteigt. »Das ist Timmi«, stellt der Professor vor, »ein pfiffiges, neugieriges Kind, wie wir es gerade in lernschwachen, bildungsfernen Kindergruppen in Problembezirken – wir wollen doch offen reden! – viel zu oft vermissen. Timmis schlaue Fragen, da können Sie sicher sein, wirbeln eine solche Gruppe ganz schön auf.«

»Und für die ... äh ... bildungsnahen Kinder? Gibt’s für die auch so etwas ... äh ... jemanden?« frage ich verwirrt, während der Bube sein »Bildung to Go«-T-Shirt gegen ein »Bob the Builder«-Hemd eintauscht.
»Gewiss! Was meinen Sie, wie gut es gerade diesen Kindern tut, wenn wir unsere ›Bildung-Life‹-Boxen ›Chantal – ihre Eltern kümmern sich nicht!‹ oder ›Mustafa – der bringt Schwung in die Gruppe!‹ auspacken. Sie glauben nicht, wie aktiv und emphatisch die zupacken! Sagen Sie nicht, das sei Kinderarbeit…« Schlembacher droht schelmisch mit dem Zeigefinger.
Meine letzten Zweifel schwinden dahin, als der joviale Professor mit einem gewinnenden Lächeln fragt: »Sehen Sie diese riesige Box, innen ganz weich gepolstert? Das ist unser neues Projekt ›Fragen stellen wie die Großen – Ein Bildungsjournalist zu Gast im Kindergarten‹.
Wären Sie interessiert?«

Achim Kniefel

 

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