Betrifft Kinder

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Ein Kita-Projekt zum Thema »Armut«

»Alles begann mit einem Papierkorb voller Blätter – nur einseitig ein bisschen bemalt, dann weggeschmissen. Darüber ärgerte ich mich, wollte den Kindern schon einen Vortrag halten, wie man mit Material umgeht, kam aber auf eine andere Idee. Ich bat sie, sich Nase und Mund zuzuhalten. Das taten sie und merkten, dass sie nach kurzer Zeit keine Luft mehr bekamen. ›So geht es euch‹, sagte ich, ›wenn keine Bäume mehr da sind. Denn aus Bäumen wird Papier gemacht, und auf dem Papier malt ihr.‹ Das verstanden sie«, erzählt Beatrix von Hartmann, Leiterin der Kita »Monelli« in Karlsruhe.

Gerade in dieser Zeit schrieb die AWO einen Fotowettbewerb zum Thema »Armut in Deutschland« aus, an dem sich auch Hobbyfotografen beteiligen konnten. Man durfte vier Fotos einreichen. Beatrix dachte: Da machen wir mit. Abends durchsuchte sie ihre Fotodateien auf dem Computer, um den Kindern etwas zum Thema »Wegschmeißen« mitzubringen. Dabei fand sie die Bilder des Fotografen Chris Jordan: Berge weggeworfener Handys und verschrotteter Autos – Symbole der Wohlstandsgesellschaft: Wenn mir mein Han-dy nicht mehr gefällt, schmeiße ich es weg und kaufe mir morgen ein neues. Wenn ein schickeres Auto auf den Markt kommt, verschenke ich das alte und kaufe das neue. Die andere Seite der Medaille: Armut.
Beatrix fragte die Kinder der Vorschulgruppe, was sie darüber wussten.


Wie kommt ein Kind auf die Idee, dass arme Kinder nicht so schnell laufen können? Beatrix fragte nicht nach. Sie befürchtete, die Kinder in eine Richtung zu drängen, die nicht ihre ist, wollte aber wissen: »Was würdet ihr arme Menschen fragen? Was wäre euch wichtig?« Das waren die Fragen der Kinder:

  • Wie sind Sie arm geworden?
  • Was essen und trinken Sie?
  • Wieso sind Sie nicht reich?
  • Möchten Sie noch was lernen?
  • Sind Sie zu arm, um etwas zu lernen?

Beatrix staunte, dass die Kinder aufs Lernen kamen, und griff diesen Gedankengang auf, denn sie fand, das ist ein interessanter Aspekt von Armut und Reichtum. Wie konnte sie den Kindern deutlich machen was sie meinte? Ihr fiel der Computer ein, dessen Benutzeroberfläche in viele kleine Bildpunkte aufgeteilt ist. Sie malte ein großes Gehirn an die Tafel und setzte viele kleine Kästchen hinein. »Wenn ihr was lernt«, sagte sie, »füllt ihr ein Kästchen im Gehirn aus. Vergesst ihr das Gelernte, ist das Kästchen wieder leer. Wer so alt ist wie ich, hat ungefähr die Hälfte der Kästchen in seinem Gehirn voll. Manche sind schlauer. Bei denen ist das Gehirn dreiviertelvoll.« Das mit den Kästchen fanden die Kinder faszinierend, und eins fragte: »Ist man doof, wenn man arm ist? Hat man nicht alle Kästchen voll?«


Begegnungen

In einer Fortbildungsveranstaltung traf Beatrix eines Tages Jürgen Lampert, den Leiter des Wohnungslosenheims »Hotel Anker«, und kam mit ihm ins Gespräch. Sie erzählte ihm, was für ein Thema die Vorschulkinder ihrer Kita gerade beschäftigte. Schrottplätze durfte sie mit ihnen nicht besuchen, das war zu gefährlich. Wohnungslose waren nicht gefährlich, und der Leiter war einverstanden. »Kein Problem«, sagte er, »das organisiere ich. So was bringt Lebendigkeit ins Haus.« Er wollte die Bewohner fragen, ob sie mit den Kindern reden würden. »Meine Abteilungsleiterin hingegen«, sagt Beatrix, »war skeptisch: Es könnte womöglich traumatisch werden. Mach dir keine Sorgen, beschwichtigte ich sie, und sie fragte nicht mehr nach.«

Als Beatrix die Eltern über das Vorhaben informierte, sagten die lapidar: »Ist in Ordnung, macht mal…« Als ob es um einen Zoo-Besuch ginge! »Haben Sie verstanden, wohin wir gehen?« fragte Beatrix nach. Die Eltern hatten zwar mitbekommen, dass die Vorschulgruppe sich mit dem Thema »Armut« beschäftigte, aber dass niemand Bedenken anmeldete, darüber wunderte Beatrix sich schon. Andererseits: Vielleicht fühlten die Eltern sich ausreichend informiert und hatten keine Fragen mehr.

Vor dem Besuch kaufte sie mit den Kindern Einwegkameras, denn jedes Kind sollte für sich dokumentieren können. Auf dem Weg ins Kaufhaus begegneten die Kinder Leuten, die auf der Straße saßen und bettelten. Ein Sintu spielte Geige. Die Kinder blieben stehen. »Hast du 20 Cent«, fragten sie Beatrix, »damit wir ihm was geben können? Er ist arm.« »Warum ist er arm?« fragte Beatrix zurück. »Er hat da einen Hut liegen«, sagte ein Junge. »Alle, die arm sind, legen einen Hut auf die Straße.« Die Kinder gaben dem Geiger 20 Cent. Er freute sich und spielte weiter.


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 11-12/10 lesen.

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