Betrifft Kinder

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Kinder in den ersten drei Lebensjahren

Nur weil es immer so war und XYZ (der Träger, die Eltern die Leitung, das Team...) es erwarten, muss es nicht so bleiben, meint Gerlinde Lill und empfiehlt den Alltag gemeinsam kritisch unter die Lupe zu nehmen.



Sinn und Unsinn von Ritualen

Rituale strukturieren das Leben und den Tag. Sie geben dem Lauf der Dinge einen Rhythmus, heben Besonderes aus dem Alltag hervor, setzen Punkte und Kontrapunkte im Miteinander. Sie schaffen besondere Momente, mit anderen Menschen oder allein erlebt, bieten Zeiten des Innehaltens, in denen etwas Wiederkehrendes geschieht. Rituale entschleunigen: Halt, verweile im Hier und Jetzt!

Rituale ermöglichen, dass im Zufälligen und Unvorhergesehenen, das das Leben mit sich bringt, etwas bewusst zelebriert wird. Das verlangt, sich darauf zu besinnen, was warum zelebriert wird, woher das Ritual stammt, welchen Sinn und welche Bedeutung es für wen hat.

Rituale sind gewachsene Traditionen, entstammen einer bestimmten Kultur, prägen sich aus und wandeln sich. Wir alle sind in Rituale hineingewachsen, haben sie aus Familientraditionen übernommen und tragen sie weiter, ohne uns darüber Gedanken zu machen. Sie sind uns zu einer lieben Gewohnheit geworden. Andere Rituale haben wir im Laufe unseres Lebens abgelegt, weil sie nicht mehr passten oder uns behinderten. Wieder andere haben wir geschaffen und zu einem festen Teil unseres Lebens gemacht.

Sich dessen bewusst zu werden und darüber nachzudenken, welche Rituale warum eine Rolle im eigenen und im Kinderleben spielen, ist nicht nur für Eltern eine wichtige Frage, sondern ebenso für all jene, die täglich das Leben mit Kindern gestalten. Denn Rituale sind nicht per se gut oder schlecht, sondern sie entfalten je nach Einbindung und Erleben bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Wirkungen. Deshalb ist es hilfreich, nicht nur zu überlegen, was mit Ritualen gewollt wird, sondern darauf zu achten, wie sie erlebt werden. Das wiederum ist leicht zu erkennen, wenn das Augenmerk auf die Reaktionen und Signale der beteiligten Kinder und Erwachsenen gelegt wird.

»Kinder brauchen Rituale« – einer der beliebten »Brauchen-Sätze«, die als scheinbar feste Größe alle offenen Fragen beantworten. Gemeint ist in diesem Fall, dass Rituale als wiederkehrende Ereignisse Orientierungslinien in die Unübersichtlichkeit der Welt ziehen und damit Sicherheit geben. Gemeint ist, dass gemeinsam zelebrierte Rituale das Gefühl der Zugehörigkeit stärken, wodurch ebenfalls Sicherheit wächst.

Daraus wird abgeleitet, dass alle Rituale wichtig sind und unter allen Umständen beibehalten werden müssen. Oft verschwimmt dabei die Grenze zwischen Ritualen und Regeln. Die Regelmäßigkeit, die Ritualen anhaftet, wird mit der Aufstellung von Regeln vermischt, und der geregelte rituelle Ablauf kann nur mittels Ermahnungen – »Pssst! Wir hatten doch verabredet…« – oder der Androhung von Strafen bei Regelverstößen durchgesetzt werden. Ein Beispiel: Bis zum Ende des Frühstücks sitzen bleiben. Bei Verstoß: Strafsitzen auf dem Flur.

Rituale sind so wenig Selbstzweck wie Regeln. Werden sie als nervend erlebt und entfalten einen zwanghaften Charakter, verkehren sie sich ins Gegenteil. Sie machen das Leben und Zusammenleben nicht schöner, sondern für alle Beteiligten stressiger. Ihr Sinn und ihre Bedeutung verschwinden hinter ihrer äußeren Form.

Um eine solche Entwicklung zu verhindern, sollten Rituale und ihre Umsetzung regelmäßig daraufhin überprüft werden, ob sie dem ursprünglichen Anliegen noch gerecht werden und das Leben verschönern. Was Kindern gut tut, zeigen sie uns in ihren Aktionen und Reaktionen, in ihrem Verhalten und ihren Signalen. Wenn ihnen etwas nicht gut tut, kann man das auch sehen.

Rituale entfalten ihre positive Kraft in der Interaktion. Jedes neue Kind, jeder neue Erwachsene, der hinzukommt, bringt seine Gewohnheiten und Traditionen in die Gemeinschaft ein. Umgekehrt wirken Rituale, die fester Bestandteil des Kitalebens sind, in die Lebensgewohnheiten von Kindern und Familien hinein. Je nachdem, wie nah sich die Kulturen sind, sind die Rituale kompatibel, oder es ergeben sich Reibungspunkte.

Damit keine unnötigen Konflikte entstehen, sollten wir mit den Eltern rechtzeitig in einen Dialog über ihre und unsere Rituale treten. Je größer das kulturelle Spektrum – unseres wie das der Familien –, desto größer auch das Spektrum an gewachsenen Traditionen, die in der Kita aufeinandertreffen.

Es reicht keinesfalls aus, den Eltern mitzuteilen, was in der Kita üblich ist. Womöglich noch nach dem Motto: »Wenn Sie in unser Land kommen, haben Sie sich gefälligst unserer Kultur anzupassen.« Genau das befürchten manche Eltern: die eigene kulturelle Identität zu verlieren. Vielmehr geht es darum, einander die eigenen Rituale vorzustellen und deren Bedeutung verstehen zu wollen.

Dabei den ersten Schritt zu tun, das ist Aufgabe des Teams. Zeigen Sie, welche Rituale Sie im Laufe des Tages, der Woche, des Monats, des Jahrs, zu Beginn und am Ende der Kitazeit sowie in den Übergangsphasen pflegen. Lassen Sie die Eltern miterleben, was geschieht, und ermöglichen Sie den Austausch mit anderen Eltern über deren Erfahrungen.

Bitten Sie die Eltern, Ihnen mitzuteilen: Was ist in der Familie fester Bestandteil des Lebens über Jahr und Tag? Lassen Sie sich zeigen und erzählen, welche Traditionen gepflegt werden. Spüren Sie deren Sinn nach. Vielleicht könnte etwas davon in der Kita übernommen werden?

In einem solchen Prozess des wechselseitigen Kennenlernens und Verstehens kann sich Nähe einstellen, kann ein gemeinsamer Rhythmus gefunden werden, in dem sich alle aufgehoben fühlen, vor allem die Kinder.

Gerade sehr junge Kinder zeigen uns die Bedeutung von Ritualen für ihr Wohlbefinden. Sie sind aufmerksam und reagieren erfreut, wenn sie etwas wiedererkennen.
Manche Kinder entwickeln eigene Rituale, pflegen sie und sind unglücklich, wenn etwas dazwischenkommt. Sie können erst einschlafen, wenn… Solche Rituale sollten wir annehmen und übernehmen. So erfahren sie Respekt und Resonanz.


Was niemand braucht, das ist der Stress, der entsteht, wenn sich die Erwachsenen unter Druck setzen und das Fest nur noch »abarbeiten«. Also: Überlegen Sie gut, worin Sie Kraft
und Ideen investieren wollen, was sich lohnt und allen Beteiligten Vergnügen bereitet. Nur weil es immer so war und die Eltern es erwarten, muss es nicht so bleiben.


Rituale können nur dann ihre Wirkung und ihren Reiz entfalten, wenn sie sparsam eingesetzt werden. Sie müssen herausragen, etwas Besondere sein, gerade wenn sie »üblich« werden.
Ein Tagesablauf, der vollkommen durchritualisiert ist, schränkt individuelle Spielräume ein.



Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 08-09/14 lesen.



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