Betrifft Kinder

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Menschen verschiedener Kulturen begegnen ihren Kindern mit unterschiedlichen Botschaften und Erwartungen. Für die Kinder ist diese Vielfalt kein Problem, solange den Unterschieden mit Wertschätzung begegnet wird. Das ist in Deutschland nicht immer der Fall, betont Heidi Keller, Expertin zum Thema Entwicklung und Kultur in Deutschland, im Interview mit Barbara Leitner.


Sie sind Entwicklungspsychologin und beschäftigen sich mit verschiedenen Kulturen weltweit. Werden die sogenannten Entwicklungsaufgaben, die Kinder beim Heranwachsen lösen, von ihrer Herkunftskultur beeinflusst?

Entwicklungsaufgaben sind globale Themenstellungen und insofern für alle Menschen gleich. Sie betreffen Themen wie das Laufen und Sprechen lernen, Beziehungen entwickeln und das Wissen darum, wer man ist. Wie sie jeweils gelöst werden, ist vom Kontext abhängig – und damit von der jeweiligen Kultur – und das macht auch Sinn. In der einen Umwelt sind andere Kompetenzen gefragt als in der anderen. Wenn Kinder das falsche Rüstzeug erwerben, scheitern sie später in ihrer Umwelt, wenn sie dort selbstständig leben sollen. 


Lernen heißt für ein Neugeborenes also zuerst einmal, sich an seine Umwelt anzupassen?

Die menschliche Evolution hat es so eingerichtet, dass ein Großteil des Lernens nach der Geburt stattfindet. Das Gehirn ist für ein selbstständiges Leben vorbereitet, hat allerdings erst wenige feste Verdrahtungen. Die werden erst mit der Zeit erworben. Besonders viel geschieht in den ersten zwei Lebensjahren. Schaut man auf die gesamte Lebensspanne, ist in dieser Zeit die Entwicklungsgeschwindigkeit am größten. 





Welche Botschaften vermittelt die deutsche Gesellschaft den Kindern? Was müssen sie lernen?

Unsere Kultur vermittelt sehr stark die Botschaft des Individualismus. Jedes Kind gilt als einzigartig. Das ist kein Wunder, wenn in Familien wenige Kinder geboren werden. Diese erhalten entsprechend viel Aufmerksamkeit von den Erwachsenen. Die Kehrseite unserer Fokussierung auf die individuelle Stärke ist, dass jedes einzelne Kind auch konkurrenzfähig sein muss und zwar jedes mit jedem. In anderen Kulturen besteht Konkurrenz zwischen Familien oder Gruppen. Bei uns findet der Wettstreit miteinander auch innerhalb der Familien statt. Man braucht ein großes Selbstbewusstsein, um sich diesem Erwartungsdruck zu stellen und sich immer wieder als besondere Persönlichkeit zu positionieren, die Aufmerksamkeit erwarten kann. 


Was bedeutet diese Orientierung an der Individualität für jene Mädchen und Jungen, die in eine andere Kultur hineingeboren wurden und erst in Laufe ihrer Kindheit nach Deutschland kommen?   

Wenn Kinder die grundlegenden Werte und Vorstellungen in einer anderen Kultur erworben haben, ist ihnen fast alles sehr fremd, was ihnen hier begegnet. 


Was irritiert sie?

Die Ermunterung, nur zu machen, was man will, viele Fragen zu stellen, bei Tisch ungeachtet von Konventionen alles anfassen zu können, ein Recht auf Auswahl zu haben. Das ist für viele Kinder nicht nur fremd, sondern auch bedrohlich. Es widerspricht völlig den Werten ihrer Herkunftsfamilien. Dort sind oft Bescheidenheit, Respekt und Verantwortlichkeit für Dinge und andere Menschen die zentralen Ankerpunkte für die Entwicklung.


Worin besteht das Problem dieser verschiedenen Orientierungen?

Kinder können durchaus mit und in unterschiedlichen Kulturen leben, so wie sie auch unterschiedliche Sprachen gleichzeitig lernen können. Ein Problem entsteht, wenn die Kulturen miteinander in Widerspruch geraten. Wenn in der Kita eine andere Kultur herrscht als in der Familie, und Kinder zugleich das Gefühl haben, dass in der Kita ihre Familienkultur akzeptiert und die Familie mit dem Kitaalltag einverstanden ist, ist die Situation für die Kinder unproblematisch. Diese Kinder haben sogar einen Vorteil. Das ist aber oft nicht der Fall. Viele ErzieherInnen halten ihre mittelschichtsorientierte europäische Kultur für die einzig richtige und werten familiäre Praktiken ab oder halten sie sogar für schädlich. Umgekehrt lehnen einige Familien möglicherweise die Pädagogik der ErzieherInnen ab. Beides irritiert Kinder. Sie wollen sowohl in ihrer Familie als auch in der Kita dazugehören. Wenn Streit und Unverständnis herrschen, wissen sie nicht, was sie tun sollen.


Ich kenne keine pädagogische Fachkraft, die sagt, ihre Kultur sei die einzig wahre! Es handelt sich eher um unbewusste Abwertungen, oder?  

Wir sind uns unserer kommunikativen Konventionen in der Regel nicht bewusst. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Kind wird in der Kita wiederholt gefragt, was es machen will. Das ist es nicht gewohnt und schaut deshalb hilflos auf den Boden oder schließt die Augen. Diese, aus seiner Sicht höfliche Art, sich aus der Affäre zu ziehen, kann bei der Fachkraft jedoch eine Reihe von Emotionen aktivieren. Sie kann es als unhöflich oder als Verweigerung auslegen. Diese unterschiedlichen Deutungen machen es so kompliziert: Sie sind emotional aufgeladen und werden mit den Bewertungen »richtig« und »falsch« verknüpft.


 

Heidi Keller ist Professorin für Entwicklungspsychologie. Sie leitete die Abteilung Entwicklung und Kultur an der Universität Osnabrück und die Forschungsgruppe Kultur, Lernen und Entwicklung des Niedersächsischen Instituts für Frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Gegenwärtig ist sie Direktorin von Nevet an der Hebrew University, Jerusalem. Ihre Forschungsschwerpunkte sind frühe Sozialisationsmuster und deren Entwicklungskonsequenzen im Kulturvergleich, Kulturspezifität von Bindung und kultursensitive Frühpädagogik.

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Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 04/17 lesen.



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