Betrifft Kinder

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Erfahrungen deutsch-französischer Kitas im Saarland

»France, douce France … Frankreich, süßes Frankreich«, singen lautstark etwa 70 Kinder anlässlich des Sommerfestes 2016 »Europa Kinderland« in der Kindertageseinrichtung im saarländischen Wallerfangen-Ittersdorf. Was sich aus über 20 Jahren deutsch-französischer Frühbildung im Saarland ableiten lässt, hat Eva Hammes-Di Bernardo, Referentin für frühkindliche Bildungsfragen und zweisprachige Erziehung im saarländischen Bildungsministerium, für uns zusammengefasst. 


Das Saarland, kleinstes Flächenland der Bundesrepublik Deutschland, kokettiert gerne damit, das »französischste« aller Bundesländer zu sein. Und immer wieder wird man mit der Mutmaßung konfrontiert, dass »alle Saarländer doch bestimmt gut französisch sprechen«. Zwar teilt man sich mit dem Nachbarn eine oft leidvolle aber verbindende Geschichte, die Einflüsse der französischen Lebensart sind an jeder Straßenecke festzustellen, ebenso in der Regionalküche und letztendlich im mosel-fränkischen bzw. rhein-fränkischen Dialekt, der in weiten Teilen des Landes gesprochen wird. Doch für eine Zweisprachigkeit, wie sie im Herzen Europas wünschenswert wäre, muss noch viel getan werden. 





Die Frankreichstrategie

Weil Sprache und Mehrsprachigkeit soziale Kommunikation, Akzeptanz, effiziente Lernprozesse, innere Sicherheit, Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz fördern und damit dem Einzelnen wesentliche Kompetenzen für ein Leben in der Wissensgesellschaft und in der globalisierten Welt vermitteln, hat die saarländische Landesregierung bereits vor über 20 Jahren die Möglichkeit geschaffen, dass Kindergärten und Grundschulen zweisprachig arbeiten können. Damit setzt sie konsequent Akzente und weist mittlerweile ein europaweit einmaliges Konzept vor, das in seinen Grundzügen auf jede zwei- und mehrsprachige Erziehung umsetzbar ist, auch ohne geografische Anbindung an ein entsprechendes Land: Immersion – das Sprachbad, in das Kinder jeden Alters in jeder Situation des Alltags in Kita und Schule eintauchen können. Heute arbeiten rund 40 Prozent der saarländischen Kindergärten zweisprachig und 30 Prozent der saarländischen Grundschulen bieten Französisch ab Klasse 1 als Fachunterricht an bzw. sie haben in fast der Hälfte der Fächer zweisprachigen Unterricht.

Das Konzept basiert auf international ausgewerteten Erkenntnissen und Erfahrungen, die  

  • besagen, dass der Erwerb einer zweiten Sprache bzw. weiterer Sprachen während der ersten Lebensjahre durch altersspezifische neurobiologische Abläufe wesentlich einfacher ist als in späteren Jahren1 und
  • den Einsatz von muttersprachlichen Fachkräften oder pädagogischen Fachkräften, die ein muttersprachliches Niveau in der Fremdsprache besitzen, empfehlen, weil dies den Spracherwerbsprozess bei sehr jungen LernerInnen verstärkend beeinflusst, sowie 
  • eine professionelle und persönliche Haltung der Erwachsenen, Fachkräfte sowie Eltern, hin zu einem gemeinsamen Bewusstsein für die kulturelle Situation aller Beteiligten, zu interkultureller Kommunikation und sensibler Responsivität vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebens-, Erziehungs- und Wertvorstellungen und einem professionellen Selbstbewusstsein2 empfehlen.



Eine Bildungschance auch für die Fachkräfte

Eine bilinguale Bildung für alle Kinder in einer Kindertages-einrichtung bietet diesen die Chance, eine zweite bzw. weitere Sprache in einer altersgerecht gelenkten Situation ganzheitlich erfahren und erlernen zu dürfen und damit ihr frühkindliches Lernpotenzial optimal auszunutzen. Programme mit Vorschriften und Arbeitsanweisungen allein reichen in einem binational-bilingualen Team jedoch nicht aus, um die Bedürfnisse aller Kinder zu erkennen und zu berücksichtigen. Deshalb rücken in der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte neben grundlegenden Kenntnissen in der Entwicklungspsychologie und dem frühkindlichen Sprach- und Zweitsprachenerwerb auch Fragen nach der eigenen, sprachlich geprägten kulturellen Identität, nach unterschiedlichen Wertvorstellungen in der Kindererziehung, nach interkultureller Kommunikation und professionellem Selbstbewusstsein in den Vordergrund.
 
In einem langwierigen Reifungsprozess wachsen sie in ihre neue pädagogische, professionelle, soziale, sprachliche Situation hinein und bekommen die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, diese zu verarbeiten und darüber zu sprechen. Sie müssen 

  • Verständnis für die Denk- und Arbeitsweise der KollegInnen entwickeln,
  • Wissen über deren kulturellen Hintergrund und die pädagogischen Beweggründe im anderen Land erwerben und vor allem
  • lernen, dass die Konfrontation mit unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen nicht unbedingt eine Infragestellung der eigenen kulturellen und pädagogischen Persönlichkeit ist und 
  • verstehen, dass binationale Zusammenarbeit ermöglicht, weit über das national und persönlich Bekannte hinaus zu gehen und dies ein Potential ist, das man unbedingt ausschöpfen sollte.



 



Im Rahmen der Agenda 2020 haben Deutschland und Frankreich im Jahr 2013 eine Qualitätscharte zur Schaffung ei-nes Netzwerkes der bilingualen Kindertageseinrichtungen in beiden Ländern, das »Netzwerk der bilingualen Kindertageseinrichtungen/Ecoles Maternelles bilingues Elysée 2020« verabschiedet. Bis zum Jahr 2017 haben sich in Deutschland bereits 143 Kitas zertifizieren lassen, 67 davon im Saarland. Für Informationen dazu, geben Sie »Zertifizierte deutsch-französische Kindertageseinrichtungen« ein im Suchfeld von www.hamburg.de


Eva Hammes-Di Bernardo studierte Germanistik, Romanistik, Italianistik, Ethnologie und Anthropologie in Saarbrücken, Metz, Montpellier und Nizza. Sie ist Referentin für frühkindliche Bildungsfragen und zweisprachige Erziehung im saarländischen Bildungsministerium und Lehrbeauftragte, u.a. an den Hochschulen des Saarlandes.

Kontakt
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1 Franceschini R. (2002): Das Gehirn als Kulturinskription. In: Müller-Lancé J., Riehl C. M. (Hrsg.): Ein Kopf, viele Sprachen: Koexistenz, Interaktion und Vermittlung. Aachen
2 Hammes-Di Bernardo E. (2000): Zweisprachige Ansätze in saarländischen Kindergärten. In: Colberg-Schrader H., Oberhuemer P. (Hrsg.): Qualifizieren für Europa – Praxiskulturen, Ausbildungskonzepte, Initiativen. Hohengehren

 


Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 04/17 lesen.



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