Betrifft Kinder

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Demokratisches und Politisches in Kitas

Alle Kinder sind aktive Mitglieder unserer Gesellschaft. In welcher Intensität das wirklich zutrifft, ist sehr unterschiedlich und interessengebunden. So haben Konsum- und Medienlandschaften klar strukturierte Orte (Mode, Spielsachen, Internet u.ä.) eingerichtet, die Kinder gezielt ansprechen. Wie sieht es in der demokratischen, gemeinschaftlichen und politischen Landschaft aus? Im Papier der Sondierungsgespräche1 der Großen Koalition war mit exakt einem Satz festgeschrieben, dass die Kinderrechte im Grundgesetz verankert werden sollen. Das ist ein politisches Signal, doch für den Transfer in die Praxis vor Ort in den Kitas braucht es mehr. Axel Möller hat darüber nachgedacht.

 
 
Partizipation und Teilhabechancen für alle Kinder werden schon seit Jahren in vielen Kindertageseinrichtungen konzeptionell diskutiert, erprobt und gelebt. Dabei wird die Sicht auf die Möglichkeiten der Beteiligung von allen Kindern zum Beispiel auf das Krippenalter erweitert. Auch für die AutorInnen Tanja Betz, Wolfgang Gaiser und Liane Pluto ist Partizipation ein Dauerthema, was sich nicht zuletzt in ihrer Publikation Partizipation von Kindern und Jugendlichen von 2010 zeigt. In ihrer Auseinandersetzung mit Inklusion, der Reflexionen pädagogischer Haltungen, ihren Ausführungen zu den Herausforderungen bei der Aufnahme von Kindern mit Fluchterfahrungen und der Auseinandersetzung mit Kinderrechten und ihre Wirksamkeit in der alltäglichen pädagogischen Praxis wird das immer wieder deutlich. Dabei weist das Autorenteam darauf hin, dass die Vielzahl der Arbeitsfelder von Partizipation und ihren Überschneidungen in Politik und pädagogischer Praxis den eigentlichen Ansatz eher unscharf machen (ebenda, S. 21). Eine weitere große Herausforderung ist die Motivation zur Partizipation, meist durch Willensbekundungen der Teams gekennzeichnet. Größtenteils jedoch sind »realisierte partizipative Prozesse« strukturell noch nicht vorhanden (ebenda, S. 21), um sie breit durchzusetzen. Andererseits können die Teams in den Kitas bundesweit auf eine Vielzahl unterschiedlicher Unterstützungsformate zugreifen.
 
Annedore Prengel hat in Bildungsteilhabe und Partizipation in der Kindertageseinrichtungen2 politik- und demokratiebezogene Modelle, Studien und Erfahrungen der Partizipation im Elementarbereich systematisch dargestellt. So findet man z.B. unter den demokratiebezogenen Modellen das Kitanetzwerk – Demokratie von Anfang an3 (ebenda, S. 39 f.) und unter den politikbezogenen Modellen die Kinderstuben für Demokratie4 (ebenda, S. 36 f.). Jene werden auch explizit im Handbuch politischer Bildung (Neuß 2014) erwähnt, in dem die strukturelle Verankerung der Partizipation von Kindern in den Kitas thematisiert wird. Neben den angeführten Partizipationsansätzen (ebenda, S. 179–181) ist der Anti-Bias-Ansatz nach Louise Dermand-Sparks5 (ebenda, S. 182–184) exemplarisch hervorzuheben. Im Handbuch der Kinderwelten (Dermand-Sparks, 2008) werden hierzu vier Ziele pädagogischer Arbeit identifiziert: 
  • Kinder sind selbstbewusst und trauen sich etwas zu, sie sind sich ihrer Familien und ihrer Identität bewusst; 
  • Kinder lernen, achtsame Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und akzeptieren Unterschiede zwischen den Menschen; 
  • Kinder erkennen unfaire Äußerungen und Handlungen und eignen sich dafür Kompetenzen an und 
  • Kinder können sich allein oder mit anderen gezielt gegen Vorurteile zur Wehr setzen (ebenda, S. 241).
 
»Die vier Ziele beziehen sich auf die vielen Bereiche von sozialer Identität und sozialer Ungleichheit, deren Zusammenspiel sich je nach politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten verändert und immer wieder zur neuen Betrachtung auffordert.« (ebenda, S. 241)
 

Jedoch wirkt der Demokratiebegriff in der Kitapraxis noch etwas unbeholfen, steht dieser doch im Spannungsfeld zwischen einerseits der formal-repräsentativen Auffassung als Regierungssystem (Sturzbecher, Walz 2003) und andererseits als »Konzept demokratischer Selbstentfaltung« (ebenda, S. 14). Diese Selbstentfaltung spiegelt sich in der sozialen Partizipation oder, wie es John Dewey6 ausdrückte, als »Lebensform« wieder. Auch Lilo Dorschky weist in Bildungsziel: Demokratiekompetenz (DKJS 2009) darauf hin, dass sich alltagsdemokratische Handlungsansätze von Aushandlungsprozessen der Makropolitik unterscheiden müssen (ebenda, Abschnitt 12). Partizipative Alltagsprozesse basieren auf demokratischen Grundkompetenzen wie Empathie, Rollendistanz, Fähigkeiten zum sozialen Handeln und Ambiguitätstoleranz. Diese sollen Lernprozesse von Kinder befördern und sie gleichzeitig zu konstruktiven Akteuren machen (ebenda, Abschnitt 12). Mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen kann man heute fragen: Wie können soziale und politische Partizipation in der pädagogischen Praxis verzahnt werden? Welche Rolle spielen hierbei die Kinderrechte? Welche Kompetenzen brauchen also pädagogische Fachkräfte?

 
 

In drei Szenarien praktisch gedacht

Um die Rolle der pädagogischen Fachkräfte vorerst anzuschauen, soll folgende szenische Skizze behilflich sein:

Eine Gruppe von Kindern steht am Ufer eines Sees und schaut auf das stille Wasser. Dabei erkennen die Kinder ihr Spiegelbild. Die pädagogische Fachkraft hört den Kindern zu und geht auf ihre Fragen ein. Plötzlich fällt ein Stein in das Wasser. Es bilden sich Ringe auf der Wasseroberfläche und die Spiegelbilder der Kinder werden undeutlich.

Hier frieren wir das Szenario ein, wie wir es aus Filmen kennen, um genauer hinzuschauen. Drei mögliche Konsequenzen können die pädagogische Fachkraft in diesem Gedankenspiel beschäftigen und sie weiß, dass sie binnen Sekunden reagieren muss:

 
Szenario Eins 

Die verärgerten Kinder haben schnell das Kind gefunden, das den Stein in das Wasser geworfen und die Spiegelbilder, die die Kinder betrachtet haben, zerstört hat. Einige Kinder bilden eine Gruppe und verurteilen sofort die Tat des Kindes in ihrer Mitte.
 
Wie auch in den beiden folgenden Szenarien orientiert sich die pädagogischen Fachkräfte in ihrer Haltung an Schlüsselwörtern, mit denen sie die Situation für ihr pädagogisches Handeln schnell umreißen: Das Kind soll nicht ausgegrenzt werden, bleibt aktiver Teil der Gruppe; die pädagogische Fachkraft will nachhaltig Sorge tragen, dass sich alle Kinder in der Gruppe wohlfühlen; die Kinder lernen vorurteilsbewusst zu handeln. Es gilt das Motto: Wir reden miteinander und akzeptieren die Meinung der anderen! 
 
 
Szenario Zwei
 
Auf dem Wasser bilden sich kleine Wellen, die sich ausbreiten und immer größer werden. Die Kinder beobachten das Naturschauspiel des wandernden Wassers. 

Die Wellen erinnern an das ökosystemische Modell von Urie Bronfenbrenner7: Die sich erweiternden Kinderräume8 sind Teil unserer demokratischen Gesellschaft. Familien und Freunde, Kitas und Spielplätze, die Bildungslandschaften wirken vielfältig auf die Kinder. Alle Kinder kommen aus verschiedenen Familien in unterschiedlichen Milieus, gehen in dieselbe Kita und danach besuchen sie unterschiedliche Schulen, um später einen Beruf zu erlernen oder ein Studium zu beginnen. Der Wurf des Kindes kann nun verstanden werden als Stein des Anstoßes, mit dem ein konstruktives Gespräch über die Vergrößerung des Lebens und die gemeinsame Zukunft – aller Kinder und jedes einzelnen Kindes – begonnen werden kann.
 
 
Szenario Drei
 
Die Spiegelbilder der Kinder verzerren sich und die Kinder stellen belustigt fest, dass sie anders aussehen, obwohl sie die gleichen geblieben sind.
 
Hier ploppen Herausforderungen mit dem Anders- und Fremdsein auf. Was bedeutet das: die Anderen, die Fremden? Wer ist anders und wer ist wo fremd? Wie ist das, wenn ich mich selbst fremd fühle? Woher kommen die Anderen und die Fremden? Was haben sie erlebt? So kann eine Auseinandersetzung zum Beispiel mit Flucht und geflüchteten Kindern beginnen, die die Kinder sicher oft im Fernsehen und den Diskussionen der Eltern miterlebt haben. Wird es nun politisch?


Axel Möller ist Koordinator und wissenschaftlicher Mitarbeiter im ESF-Programm »Kinder Stärken« Kompetenz- und Beratungsstelle www.kinder-staerken-sachsen.de in der Regionalstelle Dresden am Zentrum für Forschung, Weiterbildung und Beratung an der ehs Dresden gGmbH. 

Kontakt 
Axel.moeller@ehs-dresden.de

 

1 Siehe https://www.tagesschau.de/inland/ergebnis-sondierungen-101.pdf S. 10, gelesen am 06.02.2018 … »II. Kinder stärken – Kinderrechte ins Grundgesetz – Wir werden Kinderrechte im Grundgesetz ausdrücklich verankern.« 
2 Siehe: https://www.weiterbildungsinitiative.de/uploads/media/WiFF_Exp _47_Prengel_web.pdf, gesehen am 13.02.2018
3 Siehe auch: https://www.dkjs.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/themen /Fruehe_Bildung/Demokratie_von__Anfang_an-Arbeitsmaterialien_fuer_ die_Kitapraxis.pdf, gesehen am 13.02.2018
4 Siehe auch: https://www.kinder-beteiligen.de/dnld/kinderstubederdemokratie.pdf, gesehen am 13.02.2018

5 Siehe auch: https://situationsansatz.de/Downloads_kiwe.html, gesehen am 13.02.2018
6 John Dewey, amerikanischer Pädagoge und Philosoph (1859–1952), hauptsächlich bekannt durch sein Werk »Demokratie und Erziehung«, Beltz
7 Für Urie Bronfenbrenner  ist die Entwicklung des Menschen in eine »dynamische Einheit« eingebunden und beruht auf Wechselwirkung von Individuum und Umwelt. Die von ihm als Mikro-, Meso-, Exso-, Makro- und Chronosysteme werden in seinem Modell als Kreise dargestellt. Siehe auch als erste Annäherung: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3% 96kosystemischer_Ansatz_nach_Bronfenbrenner 
8 Lothar Böhnisch spricht von Kinderräumen, die nicht abgeschottet sind und die Qualität einer Kinderöffentlichkeit haben, welche das raumbetonte und forschende Lernverhalten von Kindern unterstützt.


Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 03-04/18 lesen.


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